Nikodim Pavlovič Kondakov

Archeologičeskoe putešestvie
po Sirii i Palestine.
Mit 78 Textabbildungen und 72 Tafeln

Sanktpeterburg 1904

Nikodim Pavlovič Kondakov
Archäologische Reise durch Syrien und Palästina
Sankt Petersburg 1904

Teil-Übersetzung: Annegret Lüning
Wien 2007

Vorbemerkung der Übersetzerin

Hier wird, entsprechend der wissenschaftlichen Zielsetzung der Hauran-website, neben dem gesamten Inhaltsverzeichnis und wichtigen Passagen des Einführungskapitels eine Übersetzung des Kapitels II, welches sich mit den Bauten der südsyrischen Auranitis beschäftigt, gegeben, um die bislang kaum rezipierten Ausführungen Kondakovs der Forschung zugänglich zu machen[1].

Kondakovs Reisebericht ist vor allem wegen seiner Schilderungen der Bauten im Jahre 1891, 10 Jahre vor Butler, von außerordentlichem Interesse. Aus seinen Schilderungen wird deutlich, daß zu seiner Zeit eine sehr intensive Bautätigkeit im Hauran, verbunden mit der weiteren Abtragungen von Bauten, im Gange war. Viele Beschreibungen wünschte man sich ausführlicher, doch ist der Text der Publikation mehr als 10 Jahre nach der Reise entstanden und stützt sich auf die offensichtlich eher knappen Reisenotizen. Die kunsthistorischen Betrachtungen und die Datierungen des großen russischen Byzantinisten können heutigen Kenntnissen häufig nicht standhalten. Sie gehören aber zum Gesamtkontext des Werkes; sie zu kommentieren ist jedoch nicht Anliegen dieser Übersetzung.

Einigermaßen kompliziert ist die Frage des Bildmaterials. Die Verweise auf „Abb.“ und „Taf.“ meinen die im Buch enthaltenen Abbildungen und Tafeln. Die „Foto“-Verweise beziehen sich auf den Bestand der Expeditions-Fotografien und -Pläne im Gesamt-Fotoarchiv der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft (IPPO), welches sich meinen Recherchen zufolge heute im Archiv des Instituts für Geschichte, Archäologie und Materielle Kultur (IIAMK) der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg befindet, bislang aber aus der Ferne nicht zugänglich war. Die Liste dieses umfangreichen, für die Forschung außerordentlich wichtigen und noch gänzlich unerschlossenen Fotobestandes ist publiziert[2]; die Hauran-Fotos sind darin unter den Nummern B[arščevskij]. 281 bis B. 445 erfaßt und haben in der Gesamtzählung der Fotosammlung der IPPO die Nummern 204 bis 375. Die Fotoverweise Kondakovs meinen die Nummern der Zählung nach Igor Barščevskij, dem Expeditionsfotografen. Kondakovs „Kat.“- und „Plan“-Verweise beziehen sich auf den Katalog[3] einer Ausstellung der IPPO, welche 1893/94 in St. Petersburg die Expeditionsmaterialien der Öffentlichkeit präsentierte.

Inhalt

Einführung 1-46

Beziehungen der Palästina-Archäologie zur gesamten Kunstgeschichte. Spezifische Seiten der Altertümer Syriens in Architektur, Ornamentik, Stoffen. Fragestellung zu den Quellen der christlichen Kunst im Werk Prof. J. Strzygowskis „Orient und Rom“. Neuentdeckte kreuzförmige Kirche im Taurischen Chersones. Ergebnisse der Untersuchung der „hellenistischen“ Grundlagen der christlichen Kunst im Buch von Prof. D. V. Ainalov. Traktat über die römische Kunstindustrie von A. Riegl. Blick auf die Altertümer des Christlichen Orient im 4. Jh. und Bedeutung der Denkmäler Palästinas in der Geschichte der Herausbildung des christlichen Kultbaus. Frage der Akanthusformen in der griechisch-orientalischen christlichen Kunst. Beziehungen der griechisch-orientalischen Ikonographie zu Palästina.

Kapitel I: 47-69

Synchrone Betrachtung der Denkmäler der christlichen Kunst in Konstantinopel, Athen und Smyrna. Reise aus Beirut nach Baalbek. Sasanidisches Relief in Firzuli. Frage von Zeit und Stil der Bauten in Baalbek und Funktion ihrer dekorativen Architektur. Damaskus. Allgemeiner Charakter der Omayadenmoschee und ihre Architekturdetails.

Kapitel II: 70-109

II. Reise durch den Hauran. Musmiye. Sanamen. Ezra, seine Kirchen. Nejran. Shahba. Shaqqa, seine Basiliken. El-Hit. Qanawat und seine christlichen Denkmäler der Frühzeit. Ruinen von Seeia und die Frage ihrer Funktion und Entstehungszeit. Athil. Suweida, seine Basilika. Bosra, heidnische und christliche Denkmäler.

 Kapitel III: 110-142

Reise durch Transjordanien. Ruinen von Pella. Dörfer Ajlun und Suf. Denkmäler von Gerasa, seine sechs christlichen Basiliken. Salt. Höhlen und Bauten von Arak el-Emir.  Gesamtcharakter des antiken Rabbat-Amman oder Philadelphia und Funktion seiner einzelnen Bauten. Palast el-Qasr, System und ornamentale Details seiner Dekoration in Beziehung zur sasanidischen Kunstperiode und Herausbildung des arabischen Stils. Lagerplatz der Expedition in Jericho und archäologische Untersuchungen an dem der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft gehörenden Ort. 

Kapitel IV: 143-271

Jerusalem. Fragen der Geschichte der Grabeskirche. Durchsicht der antiken Quellen zur Kirche von Eusebius bis zu den Kreuzfahrern; Hypothese aus den alten Texten bezüglich der Konstantinischen Grabesbasilika. Propyläen der Basilika. Details des Nordschiffs und der St. Helena-Kirche. Überblick über die Ruinen der alten Kirchen Jerusalems und die in der Omar-Moschee sowie in der Al Aksa-Moschee erhaltenen Kapitelle, des David-Ortes und des Goldenen Tores, der Kirchen: Hl. Anna, Stephan, Eleona-Bauten. Kapitelle der Geburtskirche Christi in Bethlehem. Klöster des Hl. Sabas und des Hl. Kreuzes 

Kapitel V: 271-301

Hl. Grabkapelle der Grabeskirche. Anhang: Altchristliche Mosaikböden mit Kreuzerhöhungs-Darstellungen

  

(47) Kapitel I

Synchrone Betrachtung der Denkmäler der christlichen Kunst in Konstantinopel, Athen und Smyrna. Reise aus Beirut nach Baalbek. Sasanidisches Relief in Firzuli. Frage von Zeit und Stil der Bauten in Baalbek und Funktion ihrer dekorativen Architektur. Damaskus. Allgemeiner Charakter der Omayadenmoschee und ihre Architekturdetails.

 Der dem Leser hier vorgelegte Bericht über die archäologische Betrachtung von Denkmälern christlicher Altertümer und Kunst in Jerusalem, Transjordanien und dem Hauran basiert auf Reisenotizen, die vom Autor bereits 1891-92 gemacht wurden, während seiner Reise von Beirut über Damaskus, durch den Hauran, duch Transjordanien und bis Jerusalem, mit einer wissenschaftlichen Expedition[4] im Auftrag der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft.

Die Reise beschränkte sich angesichts des beunruhigenden Zustandes großer Teile Syriens und der Ende 1891 erscheinenden Cholera auf Hauran, Transjordanien bis zum Toten Meer und Jerusalem mit seiner Umgebung, vorrangig im Osten, bis Jericho. Verständlich, daß ohne eine ebenso gründliche Untersuchung der Denkmäler Ober- und Zentralsyriens eine theoretische Gesamtbetrachtung des Entwicklungsweges der christlichen Kunst in Syrien nicht möglich war. Dennoch verdient auch diese Reise angesichts der Zahl der besuchten Orte und der Menge und der Bedeutung der betrachteten Denkmäler einen Platz in der (48) russischen archäologischen Literatur, sowohl als Bericht als auch angesichts der erreichten Ergebnisse. Zwar sind seit der Reise mehr als 10 Jahre vergangen, und in unserem Jahrhundert muß auch der Orient rascher leben, und einige Ergebnisse der Reise wurden bereits zu Errungenschaften anderer Forscher oder verloren den Charakter einer Neuentdeckung. Aber die eigentliche Wissenschaft entwickelt sich viel langsamer als das praktische Leben und abseits von diesem, und zahlreiche Reisen westlicher Gelehrter, englischer Kartographen und Naturforscher, französischer Missionare und russischer Pilger gaben in diesem Jahrzehnt keine neue (nach de Vogüe) wissenschaftliche Untersuchung der christlichen Altertümer Palästinas oder ihres Gesamtüberblicks, obgleich es eine Reihe großer wissenschaftlicher Untersuchungen gibt. Die archäologische Literatur zum Heiligen Land begann auf hohem Niveau im Vergleich zu ihrer Fortsetzung, die in der letzten Zeit im wesentlichen eine Mischung von Chroniken und Reisenotizen von Laien darstellt.

Dieser Literatursituation entsprechen auch die Umstände unserer jüngsten Bekanntschaft mit dem christlichen Orient: Auch diese ist lückenhaft und muß sich mit dem begnügen, was an der Erdoberfläche sichtbar ist, was mit dem Fotoapparat aufgenommen werden kann und was man gewissermaßen in der Abteilung Vermischtes in archäologischen Periodika publizieren könnte.

...

(53) Wir verließen Beirut mit der Karawane Anfang September 1891 und gingen über Shtora nach Baalbek, dessen Ruinen uns als Vorbilder der dekorativen Bauten des Hauran und Transjordaniens und der gesamten griechisch-römischen Periode Palästinas interessierten.

 

 (70) Kapitel II.

Reise durch den Hauran. Musmiye. Sanamen. Ezra, seine Kirchen. Nejran. Shahba. Shaqqa, seine Basiliken. El-Hit. Qanawat und seine christlichen Denkmäler derFrühzeit. Ruinen von Seeia und die Frage ihrer Funktion und Entstehungszeit. Athil. Suweida, seine Basilika. Bosra, heidnische und christliche Denkmäler.

Aus Damaskus wandte sich unsere Karawane in den Hauran, zuerst nach Süden auf der Haj-Straße bis Qessue, und von dort nach Südosten durch das Dorf Deir-Ali und Merjane bis Mismiye.

In Qessue beginnt die Leja, die alte Trachonitis, mit schwarzer Lava anstatt Erde, und lehmigen Zwischenschichten, auf die man überall trifft, obgleich das winzige Parzellen sind. Die Dörfer in von Bäumen beschatteten Hohlwegen wirken wie mit Tinte übergossen. An einigen Stellen liegen große Steinhaufen, Reste von Militärlagern der Drusen, die den Türken den Zugang in die Leja und den Hauran verlegten. An einigen Stellen sind Stücke einer Chaussee zum Transport von Artillerie, für den Fall eines neuen Drusenaufstandes. Merjane liegt an einem ausgetrockneten Sumpf. Von hier stiegen wir aufwärts und gingen über eine Hochebene, mit Salzbodenstellen, die überall in dem außerordentlich fruchtbaren Löß aufspringen. Nach zwei Stunden wurde ein schwarzes Band gewaltiger Lavahaufen sichtbar – das war Mismiye.

Mismiye war von alters ein bedeutender Vorposten der römischen Kultur an der Grenze der Trachonitis mit der heutigen Leja und ist heute ein befestigter türkischer Posten an ihrer Nordseite. Von weitem erscheint Mismiye sehr groß, weil es – wie die meisten Dörfer und Städte des Hauran – einen langgestreckten Hügel einnimmt, ähnlich dem Kamm einer (71) vulkanischen Woge aus schwarzer Lava; zwischen den Kämmen sind die Täler, die aber nicht tief sind, mit rötlichem, außerordentlich fruchtbarem Tuff und zerschlagener Lava gefüllt; die Felder sind dicht damit bedeckt und zeigen deutlich die Fruchtbarkeit der Erde und die Nachlässigkeit des Menschen. Aus der Nähe präsentiert sich der Hügel als weiter Platz (s. Photo 281) unordentlichen Schutts, teils klein wie Schotter – in den Ruinen der ärmeren Häuser und spätesten Mauern, teils groß in der Art von aus schwarzer Lava gearbeiteten Platten und Blöcken. Der Anblick dieser Ruinen ist außerordentlich traurig und düster: nirgendwo ein Zeichen von Pflanzenwuchs, kein Gras, nicht einmal die Feldlilien, die in Syrien auch unter den dürftigsten Umständen wachsen: überall schwarze Haufen, von Stahlfarbe, mit schwachen Schimmelflecken, die nur im Frühjahr aufleben. Dort, wo die Ruinen Eintiefungen bilden, leben Beduinen in schwarzen Zelten, und dieses düstere Bild verstärkt noch das glänzende Band der neugebauten Chaussee, die durch das Tal zur Stadt und durch die Stadt zur Kaserne führt, die auch erst 1890 errichtet ist, nach dem bekannten kürzlichen Aufstand der Drusen. Die Ruinen der Stadt sind ziemlich groß; es gibt in ihr viele bemerkenswerte Ruinen reicher Häuser mit zwei Etagen und prächtigen Wölbungen (s. Foto 282-283), aber so viele herabgestürzte Steine, dass die Planaufnahme und auch eine nähere Untersuchung die äußerst schwierige Beseitigung der Steine erfordern würde. Alle Bauten (außer der neuen Kaserne) wurden zweifelsfrei vor der arabischen Eroberung errichtet, ja sogar, wie man anhand der vorzüglichen römischen Mauern urteilen kann, in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, also im 2., 3. und 4. Jh. Offensichtlich waren schon das 6. und 7. Jh. hier so unruhig für die Bevölkerung, und es gab kaum noch Zuzug, so daß kaum mehr neu gebaut wurde. Wenn man also am Türsturz ein noch im Altertum grob eingetieftes Kreuz sieht, ist offensichtlich, wie früh (schon irgendwann im 5. Jh.) der Niedergang dieser Orte in kultureller Hinsicht begann.

Wir befassten uns in der Hauptsache mit der Betrachtung der Häuser, die interessant sind durch ihre wunderbare römische Mauertechnik, niedrigen Eingänge und großen Fenster der oberen Etagen. Die Untersuchung der großen Kirche, die später und vollständig aus altem, nicht selten für diesen Zweck verunstaltetem Material erbaut wurde, zeigte, dass diese Kirche der (für den Hauran) spätesten Zeit angehört: so ist in der Kirche ein ehemaliger Türsturz mit Relief-Ornamenten als Pilaster verwendet, die Decke ist gelegt aus Platten, die mit Relief-Mäander, Heraklesknoten oder dem erhaltenen Teil eines Gesimses versehen sind u.s.w.; all dies ist aus einem zerstörten heidnischen Tempel entnommen.  Übrigens gilt ausgerechnet diese Kirche jetzt[5] als ältestes (gar aus dem 2. Jh.!)  Beispiel für Bauten des kreuzförmigen Kuppelbaus – (72) eine Sache, die vor dem 6. Jh. völlig unwahrscheinlich ist.

Aus Mismiye, die Leja von Norden umgehend, kamen wir durch Basil nach Sanamen (Sanamein, ant. Aere), den ersten Hauran-Ort, der mit seinen Altertümern hinreißend ist: so die eleganten Reste der Kolonnade oder Portikus des heidnischen Tempels (Foto 294), der die Reisenden neben dem Lager erwartet (für welches immer ein und derselbe Ort in der Mitte der Stadt ausgewählt wird), weiter sind bemerkenswert auf dieser Seite des tiefen Wasserspeichers wegen seiner Architekturdetails der Tempel der Tyche[6] (Foto 284-289),

 Abb. 5: Sanamen. Turm am Westrand des Dorfes

 mit der bekannten Inschrift des Diodor und der Lampadophoren, der noch vier Wände und eine Reihe sehr gut erhaltener Türme (Foto 299) hat, und die vielen hier bemerkenswert gut erhaltenen Häuser (Foto 290-292); so reich sind diese Ruinen an Inschriften, die zwar seit langem bekannt sind, aber demjenigen, der hier Ausgrabungen vornimmt, noch reichere Entdeckungen versprechen (s. Pläne 123 und 124).

Zuerst sieht man einen großen Bau, offensichtlich einen Tempel, aus Basalt, mit hohen Bogeneingängen, innen bis oben mit Steinen angefüllt, über denen man nur ein Antablement auf zwei korinthischen Säulen sieht. Nahe dem Bau ist eine große Zisterne, großartig gemauert, aber jetzt verfüllt und hinter ihr der viereckige Bau (Abb. 6)

 Abb. 6: Sanamen. Tychetempel

 des Tyche-Tempelchen, mit Säulchen an der Südseite und Halbsäulchen, von denen in situ nur zwei an beiden Seiten erhalten sind.  Weiter gibt es ein altes Gebäude mit Rotunde; ein Haus, interessant wegen seiner Relief- und à jour-Platten, die die Fenster verschließen; ein reiches Haus mit drei (73) Varianten von Fensteröffnungen und in diese eingestellten à jour-Platten. Betritt man dieses Haus durch die niedrige Tür, gelangt man durch eine Portikus in einen offenen Hof, an dessen einer Seite sich eine Portikus mit drei Säulen befindet, und in der Portikus führt eine Treppe in die obere Etage, an den anderen beiden Seiten liegen Wirtschaftsräume mit einer erhöhten Terrasse darüber, und an der vierten Seite liegt der Hauptbau mit drei Eingängen unten; die an dem Haus befindliche Inschrift teilt mit, dass es im 10. Jahr der Herrschaft Hadrians errichtet worden ist.

Die Portiken, die den Tyche-Tempel umgeben, sind verschwunden, von ihnen haben sich nur Teile der Kolonnaden und eine Reihe von Basen erhalten; ebenfalls zerstört, herausgerissen und verschleppt ist der Plattenfußboden vor der Kirche. Die Vorderseite des Tempels (Abb. 6) ist von den Arabern erneuert worden, sie hat drei Türen, aber das mittlere große Portal ist grob mit verschiedenen Steinen zugesetzt, von denen einige zu den Türstürzen von Haupt- und Nebenportal gehören, andere zur dekorativen Verkleidung der Fassade mit den Halbsäulen. Deshalb überrascht, wenn man durch die rechte, noch offene Tür ins Innere des Tempelchens (Taf. VII) hineingeht, die Feinheit des erhaltenen Innenraumes und der ursprünglichen Ausstattung umso mehr, weil sich in der Mitte des Tempels ein noch im Altertum sehr schön und gekonnt verlegter freier Bogen befindet, und weil ein Teil der Mauer grob erneuert ist und die große und tiefe Nische des Tempels geschlossen ist mit formloser Steinfüllung (für die Schaffung der Apsis der Kirche). Umso eleganter erscheinen vor diesem grobem Fond (s. Foto 288 und 289) die Teile der alten römischen Mauer mit fein sauber gearbeiteten und sorgfältig (74) verlegten Platten, Teile des Gesimses mit Mäander, die dekorativen Säulchen, die dieses Gesims tragen, und die viereckigen Eintiefungen der Exedren. Der Schnitt der Kapitelle erinnert an die Säulen (sic) der Omayadenmoschee, und das Ornament der Gesimse und der Türrahmen der Fassade unterscheidet sich schon durch trockenen Schematismus, was leicht mit der Zeit zu erklären ist, weil die Tempel von Sanamein in die Zeit des Severus (222-235) gehören. In dem Tempelchen sind 10 Inschriften, von denen vier die eine Inschrift der Lampadophoren wiederholen.

Um die Ruinen, aber auch neben der Zisterne liegen Haufen von großen bearbeiteten Platten, und in dem Mäuerchen, das in deren Nähe die Tenne umgibt, sind verlegt: ein Relief mit sehr grober Darstellung von zwei Kriegern und einer weiblichen Figur (Foto 296), ein von einer Statue abgeschlagener Kopf (Foto 296) und ein großes Fragment eines christlichen Gesimses, offensichtlich aus einem zerstörten Grabmal, mit groben Brustbildern von Genien und von Verstorbenen in drei Medaillons (Foto 295). Das Relief gehört ins 5. oder 6. Jh. und ist die Arbeit eines einfachen Steinmetzen; aber es hat interessante Details in den Kränzen, die die Büsten im Kreis umrahmen, und Darstellungen zweier Engel-Genien mit Füllhorn und Trauben in den Händen – offensichtlich die Darstellung paradiesischer Wonnen.

Der in der Nähe stehende Turm (Foto 299, Abb. 5) hat keinerlei Dekoration, obwohl alle drei Etagen erhalten sind, aber im benachbarten Turm fanden wir an der Westmauer (Foto 300) ein eingetieftes Relief mit der Darstellung von sieben Feueraltären in dekorativen Nischen (geweiht den 7 Planeten?) mit zwei Mondsicheln zu den Seiten; in den dem Turm benachbarten Häusern fanden wir eine reliefierte Brustfigur, und unter dem Fenster eines Hauses eine Platte mit zwei Fasanen, die aus einem Gefäß trinken (Foto 301).

Südlich dieses Turms gibt es eine kleine alte Kirche, mit Toren, die mit einem Kreuz zwischen zwei Rosetten geschmückt und zusammengestückt sind aus antiken Ornamentteilen; ein Türsturz ist im lokalen Geschmack der Steinmetze gearbeitet: in der Mitte ein Ehrenkranz, dessen Enden im Heraklesknoten verschlungen sind, und aus ihm heraus gehen zu beiden Seiten Weinranken mit Trauben (Foto 302), eine Platte mit zwei Tauben. Im Hof des Hauses ist ein Altärchen mit einer Figur im Hochrelief und Attis mit Mütze. Schließlich ist ein Turm am Stadtrand, mit vorzüglicher römischer Mauertechnik (Foto 297), aber mit Vorsprüngen, die allgemein für alt-hebräisch gehalten werden, und mit Balkon. Hier rief uns eine alte Frau, um uns eine Inschrift zu zeigen, und als wir zu ihr ins Haus gingen, fanden wir unten eine im Zugang zum Saray eingemauerte bemerkenswerte Platte, die aus dem Turm (peristerion) genommen ist, mit einer Inschrift der Zeit des Kaisers Constantius. Um den Turm sind einige alte Häuser, mit dekorativen Fensterplatten und Kolonnaden oder Portiken in den Höfen. Aus Sanamein kamen wir nach dreistündigem Weg nach Ezra.

(75) Die Ruinen von Ezra sind weiträumig; sie sind zum Teil bewohnt von einer auch jetzt zahlreichen Bevölkerung und daher erneuert oder besser den armseligen Bedürfnissen des sesshaften Arabers angepasst, jetzt nun des Drusen. Auf den ersten Blick fällt die Menge ummauerter Tennen auf, die in der Sonne mit hellem Boden leuchten, aber der scharfe Kontrast dieser gelben Höfe und ihrer schwarzen Umzäunung aus Lava und den schwarzen Häusern selbst, ohne die kleinsten Spuren von Pflanzenwuchs, gibt ein trostloses und lebloses Bild.Die hohe konische Kuppel der Hauptkirche (orthodoxe Kirche des Hl. Georg, Foto 303), an einigen Stellen schwarz, an anderen verputzt, fällt einem überall ins Auge (der Bau mit dieser Kuppel erinnert an die Städte Zentralasiens), und daher stellten wir mit besonderem Interesse fest, dass diese vielgerühmte Kuppel nur in den unteren Teilen zu dem alten Bau gehört und offensichtlich in neuester Zeit umgebaut ist und das nicht sehr erfolgreich (was bisher keine Beachtung bei den Architekturhistorikern gefunden hat, die gern in ihr das älteste Beispiel einer byzantinischen Kuppel sehen).

Wir begannen die Besichtigung der Stadt von eben dieser Kirche aus: Ihr  Äußeres in Gestalt eines viereckigen, gelängten Korpus mit vorzüglichem Mauerwerk in römischer Art aus bearbeiteten Platten ist aber zweifelsfrei im Ganzen ein christlicher Bau, weil alle Gewände zu dem Mauerwerk gehören und mit Kreuzen geschmückt sind, und die Westtür mit der bekannten Inschrift, die besagt, dass die Kirche am Ort einer „Wohnstatt“ (katagogion) von Dämonen errichtet sei, als  ein „des Anblicks würdiger“ Bau mit dem Eifer des Protevon Johannes, der einer Vision des hl. Märtyrers Georg gewürdigt wurde und in der Kirche dessen hl. Reliquien niederlegte im Jahre 511 n. Chr. , spricht eindeutig über den vollständigen Bau der Kirche, und es gibt keinen Zweifel in dem Sinn, dass der heidnische Tempel, auch wenn er in Ruinen lag, hier in eine christliche Kirche umgewandelt wurde. Jedoch wurden für die Kirche Stücke des zerstörten alten heidnischen Tempels verwendet, welche, in Gestalt großer Marmorplatten (unter ihnen eine mit Inschrift, die den Gott Theandritos nennt, welcher in dem Tempel verehrt wurde), jetzt umgedreht liegen, als Belag der Altarsolea, und eingefügt sind in die Mauern des christlichen Baus. Dieser Bau, im Jahr 511 errichtet und vollständig, vom Fundament bis zur Kuppelwölbung erhalten, ist der interessanteste christliche Bau in Syrien. Während er außen viereckig ist, von römischem Typ mit antiken Türen (Foto 304 – Ansicht der seitlichen Tür mit Grabbau an der Südseite), repräsentiert sein Inneres den neuen Typ des Rundbaus (oder wie oft, aber nicht sehr glücklich in deutschen Arbeiten genannt – „Centralbauten“) eingefügt ins Quadrat mit Hilfe von Exedren oder Nischen in den vier (76) Ecken.[7] Leider waren diese Exedren entweder mit Steinen verfüllt, und die eine (das Diakonikon, die Exedra rechts vom Altar) ist in eine öffentliche Grabstätte (?) umgewandelt und angefüllt mit Knochen und so war es nicht möglich, die Exedren innen zu betrachten. Sodann ist das Wichtigste in der Architektur der Kirche – der Ring von Bögen auf Stützen, die das innere oder Hauptschiff umgeben, die Anlage der Chöre (Decke in Hauran-Methode aus dünnen Platten) und der große Altarvorsprung, der außen ein Sechseck, innen eine runde Apsis bildet.

Der arabische Umbau (nicht muslimisch, da diese Kirche offenbar nie in eine Moschee umgewandelt wurde) hat den ursprünglichen Bau endgültig verunstaltet: die gesamte Kuppel vom Tambur an ist, wie gesagt, aus spätester Zeit und bildet eine grob verputzte konische Mütze, die in der gegenwärtigen Zeit erneut repariert werden muß, weil sie einzustürzen droht, und während unserer Anwesenheit waren die Wölbungen mit Gerüsten gefüllt. Die Apsis ist aus irgendwelchen Gründen zur Hälfte neu versetzt, und der Altar (Foto 305, Taf. VIII) ist vor ihr errichtet, mit erhöhter [wörtl. vorspringender] Solea; ihr Boden ist gelegt aus alten Marmorstücken, ihre Balustrade besteht aus Marmorsäulchen, die byzantinischen Schranken des 10.-12. Jhs. am ähnlichsten sind. Orient- und Byzanzforscher[8] sind schon lange einig in der Auffassung, dass die Heimat der byzantinischen Kuppelkirche in Persien zu suchen ist, dort, wo die gewaltigen Paläste von Firuzabad und Sarvistan die bedeutendsten Denkmäler mit eiförmigen Kuppeln und kolossalen Bogenportalen in der Fassade darstellen. Bis heute hat seit den Zeiten von Coste und Flandin niemand an der Zugehörigkeit der Paläste zu den Sasaniden gezweifelt, zusammen mit den Ruinen von Ktesiphon, und erst kürzlich hat der bekannte Erforscher Susas, Dieulafoy,[9] seinen eigenartigen Vorschlag gemacht, dass diese Paläste gleichzeitig seien mit den Ruinen von Persepolis und in der Achämenidenzeit die nationale Architektur der Perser dargestellt hätten, als ob die Paläste von Persepolis und Susa die fremdländische Kunst griechischer und ägyptischer Meister seien, die als Caprice der persischen Kaiser eingeführt worden seien. In dieser Hypothese, die eine völlige Verdrehung der Fakten darstellt, ist alles Faktenmaterial vergessen: die Beziehung der Denkmäler der persischen Skulptur zur Architektur der alten persischen Paläste, der Ausdruck des Nationalen ihrer Monumentalkunst in der Kleinkunstindustrie usw. Aber zum Glück fand diese Hypothese nicht gleich Anhänger, ungeachtet ihres verführerischen Aussehens: Der Grund dafür liegt in (77) der klaren Beziehung der sasanidischen Paläste zu gleichzeitigen byzantinischen Bauten, römischen Mustern und der nahen Architektur der Araber. Wir zeigen später auch die klare Beziehung zum Palast auf der Zitadelle von Rabbat-Amman im Transjordanischen Gebiet und zur Kirche von Ezra. Hier wäre kein Platz, auf dem Weg des Vergleichs von Konstruktion und Details die allgemeine Verwandtschaft der architektonischen Prinzipien der sasanidischen Paläste und dieser Kirche zu analysieren, umso mehr, als diese Verwandtschaft auch ins Auge springt, wie ihre Formen unter den Ruinen des Hauran, so überrascht auch der Palast in Amman neben dem römischen Theater und den Portiken. Aber in diesem dunklen Bereich der griechisch-orientalischen und byzantinischen Architektur beansprucht die Kirche von Ezra mit ihrer seltsamen eiförmigen Kuppel tatsächlich Interesse. In jedem Fall, obgleich wir bisher das genaue Datum[10] der genannten sasanidischen Paläste nicht kennen, können wir schon allein anhand konstruktiver Daten hervorheben, dass sie zeitlich der Kirche nahe sind, und dass letztere, in den dem Hauran vertrauten Traditionen noch die römische Tradition wahrend, ihrerseits eine zurückgebliebene Erscheinung ist. Gerade die Aufgabe, einen Quadratraum mit einer Kuppel zu bedecken, wird hier noch mit einer ganzen Reihe von geeigneten Übergängen gelöst; in den sasanidischen Palästen wird dies schon viel einfacher gemacht – der Bau wird tatsächlich so erleichtert, als ob die Kuppel auf einem Rundbau errichtet würde. In der Tat hängt diese Unvollkommenheit der Kirche ab von ihrem Material – dem ziemlich harten Hauranstein, den man schwer zu Würfeln verarbeiten konnte, aber auch offenbar von der Unfähigkeit, die persische Methode im Ganzen auszuführen. Aber mit allen angeführten Argumenten und Daten können wir erraten, dass die Kuppel von Ezra selbst von persischen Meistern errichtet wurde, wie auch der gesamte Palast von Amman mit seinen Reliefs. Offenbar gehören Kuppelbauten insgesamt nach Persien, so wie die Erbauer der Kirche in Ezra, die etwas besseres schaffen wollten als eine gewöhnliche Basilika, sich in architektonischer Hinsicht nicht an die Griechen wandten, die in dieser Zeit schon Kuppeln bauten, sondern an die  Perser, die damals die Vertreter dieser Architektur waren und wahrscheinlich die gestellte Aufgabe billiger und besser als die anderen ausführten.

Die Hauptaufgabe der byzantinischen Architektur, die in der Vereinigung der Kuppelwölbung mit einem großen viereckigen Raum bestand (78) und so glänzende Vollendung in der Konstantinopler Sophienkirche fand, war schon Aufgabe der Perser  und wurde von ihnen lange vor Byzanz ausgeführt, mit anderen Mitteln in zahlreichen Königs- und Satrapen-Palästen, sowohl im eigentlichen Persien als auch in den von ihnen eroberten Ländern Vorderasiens.

Die andere Kirche Ezras, die Eliaskirche (Taf. IX) ist bemerkenswert nur wegen ihrer ausgezeichnet erhaltenen monumentalen Fassade, die an die Fassaden in Qenawar und Suweida erinnert, obwohl die kaum christlichen Ursprungs sind. Diese Fassade liegt jedoch seitlich an der jetzigen Kirche, wenn man aber durch ihre Haupttüren geht, die sich inmitten der Ruinen befinden, welche irgendwie für die äußerst anspruchslosen Forderungen des religiösen Gottesdienstes der Araber (Foto 308) angepasst und interessant für die Archäologie nur wegen der Inschriften sind (Foto 309).

Der Weg von Ezra nach Nejran führte zuerst nach Bosr-el-Hariri, wo wir neu errichtete große  Kasernen und eine Moschee antrafen: die Siedlung befand sich jedoch im Zustande vollständiger Verödung, und wir fanden keinerlei Ruinen von Interesse. Von hier gingen wir am Ufer eines kleinen Kanals nach Ain-Kerate (Kerase, ant. Vicus Coreathe?), mit den Ruinen einer Zitadelle über einem austrocknenden See, von wo auch jetzt aus einer Quelle Wasser durch einen Kanal nach Bosr-el-Hariri geleitet wird. In den Ruinen dieser Zitadelle fand Seetzen noch so etwas wie eine Kirche, und vielleicht gehörte zu ihr auch ein liegender Türsturz mit Kreuz und unleserlicher Inschrift (Foto 313). Der üble Ruf der weglosen Leja, einer felsigen Gegend, stellenweise entblößt und völlig eben, stellenweise zerfallend in kompakten Schotter, auf dem Weg von Kerate nach Nejran, besteht seit langem und wir fanden ihn vollkommen bestätigt. Diese Region, die gebildet wird vom zerfallenden Kamm der vulkanischen Leja, zu umgehen, hätte bedeutet, einen Umweg von mehreren Dutzend Werst zu machen.

Das durch diese Steinwüste vom übrigen Hauran getrennte Nejran ist ungeachtet seiner Ausdehnung eine außerordentlich ärmliche Siedlung. Zwischen Haufen von schwarzen Steinen, in die die alte Stadt zerfallen ist, trafen wir nur zwei bis drei Häuser des Hauran-Typus, schon mit aus Einzelteilen gesetzten Portiken, aber noch mit erhaltenen ornamentierten Fenstern.

Aus Nejran kamen wir über Rimen (ant. Rhimea) – wo wir im Vorbeigehen das elegante Grabtürmchen des römischen Bürgers Celestinus Ain-Dibbe (Foto 315) sahen –entlang des Hanges des Hauran-Hauptkamms, vorbei an Murduk, nach Shahba (ant. Philippopolis). Die Reisenden betreten die bewundernswerte Stadt durch das Westtor, begeben sich zum Zentrum auf der großartig gepflasterten Hauptstraße, steigen nach oben und schlagen ihr Lager nahe dem Theater auf (Foto 319). Die heutige Bevölkerung Shahbas ist ziemlich groß, aber selbst sie ist nicht in der Lage, die gewaltigen Ruinen zu zerstören und abzutragen (Gesamtansichten Foto 317-318). Am größten sind die Thermen (79) im Südteil der Stadt (Foto 329-331, Kat. 171-173), mit den Resten einer Wasserleitung, in Gestalt zweier hochaufragender Bögen und sechs Pfeiler: interessant ist die Rustica-Behandlung der Quader. Ausgezeichnet erhalten haben sich in den Thermen einige Säle, unter ihnen zwei runde, und ein gelängter, der noch seine Tonnenwölbung hat. Großen Eindruck macht auch das Tetrapylon (Foto 326, Kat. 168):

 Abb. 7: Rime. Celestinus-Grab

 heute sind im Zentrum der Stadt, an der Kreuzung der beiden Hauptstraßen, nur drei Pedestale erhalten, die als Stütze für die Bedeckung der Kreuzung dienen. Westlich dieser Pedestale sieht man eine Reihe eleganter korinthischer Säulen eines eleganten Tempelchens (Foto 322, Kat. 163); südlich von dieser Reihe hat ein altes und reiches Haus mit Säulen und Bögen zahlreiche Inschriften bewahrt, dann folgt das Theater (Foto 327 und 328, Kat. 169 und 170). Von hier aus weiter westlich folgt ein großes Gebäude (Foto 323, Kat. 165), das bei de Vogüe den Namen Kalybe erhalten hat (vielleicht war es zu seiner Zeit eine Khalybe, d.h. ein Betort der Drusen, aber das ist es jetzt nicht), aller Wahrscheinlichkeit die rückwärtige Hälfte eines römischen Tempels mit Zentralnische und Eckexedren (s. Plan Kat. 164). Vom Seitenflügel dieses Baus führt in direkter Ostwestrichtung ein gewölbter Gang (Foto 324, Kat. 166), über dem sich eine Terrasse befindet; senkrecht dazu verläuft ein ebenso gewölbter Gang. Dessen linker Teil ist noch teils mit einem römischen Tonnengewölbe gedeckt und teils zerstört, er dient jetzt als Speicher, so daß er nicht zu untersuchen war, aber in jedem Fall war er auch früher kurz, d. h. er war nicht mehr als 5 Sashen lang und anderthalb Sashen breit. Der seitliche Gang ist geradeaus sehr gut erhalten, er ist nicht mit einer eigenen Wölbung gedeckt, sondern mit Platten auf vorspringenden Konsolen, oder sog. ägyptischem, im gegebenen Fall phönikischem Gewölbe. Dieser Gang führt im Tempelhof zu einer kleinen Portikus mit zwei (80) ionischen Säulen, die zu einem Tempelchen gehört, dessen Cella verändert und zur Hälfte geteilt ist (Foto 325, Kat. 167). Weiter westlich trafen wir auf das interessante Haus

 Abb. 8: Shahba. Säulenkapitell im arabischen Kaffeehaus

 (Abb. 8) des Han oder Kaffeehauses von Shahba (Foto 339, 340, Kat. 181 und 182), mit Inschrift über dem Eingang und Portikus, neu erbaut für das arabische Kaffeehaus (81) aus alten Säulentrommeln, Säulen und korinthischen Kapitellen. Die hintere Mauer des Kaffehauses bildet jetzt eine Kolonnade mit fünf Säulen, zwei von diesen aus grauem Granit; vier Säulen haben ionische Kapitelle, eine ein korinthisches, von frühem und elegantem Typ, mit nur einem Blattkranz. Der Hof, wie im übrigen alle Höfe der hauranischen Hans und Scheich-Häuser, ist angefüllt mit von überall herbeigebrachten Altertümern; neben der Treppe liegt ein Fragment einer Granitsäule; in der Mauer gegenüber dem Türvorbau des Han ist ein Relief mit einer Victorien-Darstellung eingelassen (Foto 338, Kat. 180); rechts ein Basrelief einer sitzenden weiblichen Figur (Foto 337, Kat. 179) mit Lyra (Grabrelief?). Im benachbarten Hof des Hauses, das noch das alte Mauerwerk bewahrt hat, befindet sich ein antikes Relief (0,92x0,32 m) aus rotem Kalkstein mit einer Opferszene an einem Altar in Anwesenheit von Göttern und Victoria (Foto 333, Kat. 175). In einem Hof am Rand der Siedlung fanden wir eine grobe Platte mit Heraklesknoten und zwei Figuren (Foto 334, Kat. 176).

Im nördlichen Stadtviertel befinden sich zahlreiche Häuser guter Bauweise: eines von ihnen (Foto 332) hat die zweite Etage mit genügender Klarheit der Konstruktion des alten syrischen Hauses bewahrt; bis heute ist der Hof umgeben von drei Baukörpern mit vorzüglichem Mauerwerk, aber der Besitzer hat sie mit verschiedenen Anbauten verschandelt: einer ist turmartig, und die Ecke ist mit einer ionischen Säule geschmückt; vor einem anderen Bau sind zwei Säulen aufgestellt, und die dritte Seite hat ebenfalls das Aussehen einer Portikus auf Säulchen. Das alles besteht aus Bruchstücken, die von den Arabern ohne jede Ordnung zusammengestellt sind, und von überallher zusammengetragene Steine waren offenbar für weitere Bauten gleichen Charakters bestimmt, aber der Bauprozeß blieb unvollendet und die Steinhaufen verstopfen weiter den ganzen Hof. Im selben Nordbereich der Stadt war in einer Mauer ein Basrelief zweier verstümmelter Figuren, wohl Genien, zu sehen, die eine Girlande in Gestalt eines Heraklesknotens halten. Der bemerkenswerteste Bau Shahbas schließlich befindet sich im Zentrum der Stadt (Foto 321), links der Straße, die in die sog. Khalybe führt, und wird Heiligtum genannt. Es handelt sich um einen viereckigen Tempel, außen fast vollständig bis zum Dach erhalten, aber mit einem umgebauten großen Portal an der Nordseite. Die sehr einfache Außenseite des Tempels ist jedoch nichtsdestoweniger sehr interessant: Der Tempel repräsentiert von außen nur eine römische Cella, umgeben mit geschlossenen, vorzüglich gesetzten Mauern. Der gesamte interessante Bau mit drei monumentalen Exedren – gewaltigen viereckigen Nischen – ist im Inneren eingeschlossen, obgleich leider dieses prächtige dekorative Innere bereits in sehr früher Zeit verunstaltet wurde durch den Einbau eines Wohnhauses auf Wölbungen. Aber da der Tempel unter der lokalen Bevölkerung Heiligtum genannt wurde und über ihn die üblichen Legenden erzählt wurden, liegt es nahe anzunehmen, daß der Tempel nach der arabischen Eroberung als Zitadelle diente, und dann (82) entstand die Legende über ihn, und die Bewohner begannen die Mauern auf der Suche nach Schätzen mit Schießpulver zu zerbrechen usw. Diese späten Bauten der orientalisch-römischen Architektur des 3. Jhs. sind v. a. wegen der dekorativen Gliederung der Mauern von Interesse – Exedren und Nischen mit Giebeldächern oder Muschelwölbungen, die dann in neuer Ausführlichkeit in der Architektur des 5./6. Jhs. erscheinen.

Nicht weniger interessant sind die Denkmäler des (zwei Stunden entfernten) benachbarten Shahqa oder Shaqqa, des antiken Sakkea (Saccaea), die sich im Stadtzentrum befinden und dank den heute wenigen Bewohnern vergleichsweise gut erhalten sind. Als wir auf dem zentralen Platz der Stadt Halt machten (wo gewöhnlich die Karawanen ihr Lager aufschlagen), der sich möglicherweise

 Abb. 9: Shaqqa (Sakkeia). Basilika

 noch aus dem alten Forum entwickelt hat, breiteten sich vor uns alle wichtigen Denkmäler aus. Direkt vor uns (Foto 348, Kat. 184) war der große oder Haupttempel und in Verbindung mit ihm die christliche Basilika, links die großartige Ruine der erhaltenen Exedra des großen Tempels (Foto 348), rechts ein hohes Haus mit zwei in ihm <sekundär> versetzten, seit langem bekannten Inschriften über den Bau der Kirche des hl. Theodor zur Zeit des Bischofs Sergius. Geradeaus in die Stadt gehend, findet man leicht die elegante Fassade eines großen, jedoch halbverfallenen Baus (Foto 353), der bei de Vogüe beschrieben ist als Basilika. Schließlich sieht man hinter sich die Türme des sog. Palastes oder der Zitadelle Kaisariye (Gesamtansicht Foto 356, Kat. 197), die wegen ihrer Basilika bemerkenswert ist.

Bei näherer Betrachtung verlieren alle diese Denkmäler. So bewahrt der erste oder Haupttempel (Abb. 10) noch (83) sein großartiges reliefiertes Protal auf der Ostseite, d.h. an der Fassade mit zwei Bögen über dem Portal, einer offen, der andere geschlossen; innen erhielten sich zwei seitliche Exedren und Konsolen für die Pilaster dekorativer Nischen. Aber die dritte Seite, die hintere oder westliche, war verstürzt und ist neu aufgebaut in christlicher Zeit, weil die hier ursprünglich befindliche Nische durch eine grob eingesetzte Tür ersetzt wurde, über der wieder ein dekoratives rundes Fensterchen versetzt wurde (in der Art eines oeil de boeuf), und es sind noch zwei weitere Türen in die Wand eingefügt, offenbar mit dem Ziel der Verbindung mit der dahinter liegenden Basilika. Aber da in den Tempel später ein Han eingebaut wurde, schaffte man für dessen Bau in der üblichen Weise von überall die besten Steine, Platten u. a. herbei, und die benachbarten Bauten wurden abgebrochen. Deshalb läßt sich nicht mehr feststellen,

 Abb. 10: Shaqqa. Kaisariye

 wo sich der Altar dieser großen Basilika befand, die hier irgendwann einmal stand, worauf vieles hinweist: In den benachbarten Mauern erhielten sich zwei monumentale Türen – auf ihnen (Foto 345, Kat. 186) sind Kreuze und sechsstrahlige Sterne in Kreisen eingetieft; außen, von der Seite mit dem ornamentalen Fenster, sitzt eine christliche Inschrift. Ein Bogen mit vorzüglichem Reliefdekor (Foto 344, Kat. 185) rahmt die Eingangstür von Süden (der christlichen Basilika, nicht des Tempels, und alle Bogensteine sind hier neu zwischen grober Mauer versetzt): Obwohl dieses Relief schon dem 3. Jh. n. Chr. angehört, erinnert die Ornamentik noch an die elegantesten Muster der kleinasiatischen Architektur: Weinranken bilden auf dem Fries Kreise, in denen wir sowohl Weintrauben als auch Granatäpfel und sogar Mohnkapseln sehen.

(84) Obgleich wir den Plan der Basilika auf diese Weise nicht rekonstruieren können, ist klar, dass es sich um einen Umbau oder genauer eine Anpassung eines alten heidnischen Baus (aber keines Tempels, weil der Tempel, wie gewöhnlich, zu klein war für eine Basilika) an die Zwecke des christlichen Gottesdienstes handelt: die frühe Form der Kreuze weist möglicherweise noch auf das 4. Jh. hin, wenn auch die 2. Hälfte. Aber wir können keine willkürlichen Vermutungen darüber anstellen, weshalb diese Basilika keinen klaren Plan einer christlichen Kirche hat und anstatt dreier Schiffe nur zwei hat und diese durch Mauern getrennt. Noch weniger klar ist die Funktion des Baus, den de Vogüe für die (für ihn einzige Basilika) Shaqqas hält.

Außen bildet dieser Bau (Foto 352 und 353, Abb. 9) ein gelängtes, aber nicht vollständiges Rechteck: und zwar ist sein rückwärtiger (westlicher) Teil zerstört, oder zumindest sind seine Mauern so sehr zusammengebrochen und die Fundamente mit Steinen verstürzt, dass die Begrenzung dieses Teils unmöglich ist. Die Fassade des Baus ist 22 m lang (Seitenansicht auf Foto 352, Vorderseite – 353, Kat. 194), (nicht aber 19,8 m wie bei de Vogüe), die Seitenlänge beträgt etwa 19 m – es ist deutlich, wie viel nicht erhalten ist. Noch wichtiger ist jedoch, dass im erhaltenen Teil zwei Wölbungen gelegt sind, und das ohne Deckenbelag, nur in Gestalt von Wölbungen, die quer über den Bau von einem Pfeiler zum anderen gelegt sind. Wenn sich die Decke erhalten hätte, so gliche die Reihe dieser, das Dach stützenden Bögen in hohem Maße einer Tonnenwölbung und hätte folglich drei Schiffe gebildet. Aber im gegebenen Fall erhielten sich, wie gesagt, nur zwei Wölbungen und es gibt in der Realität nichts vergleichbares zu dem, was auf de Vogües Plan dargestellt ist. Zudem können Querbögen ähnlicher Art im Altertum nur in Seitenschiffen errichtet worden sein, um auf diese Bögen dann das Dach aus dünnen Hauran-Platten zu legen – mit einer Länge bis zu 2 Arshin und mehr. Wir haben es hier offensichtlich mit einer bereits späten arabischen Umgestaltung des Tempels zu tun, der genau genommen mit diesen Bögen in zwei bis drei Teile umgebaut wurde, um das Vieh vom Menschen zu trennen, einen Kornspeicher einzurichten usw. Deshalb halten wir den gesamten Plan von de Vogüe für eine eigentümliche Phantasie seines Zeichners, der erfolglos versucht hat, einen nichtexistenten Typ einer Basilika aus den Bräuchen des lokalen Bauwesens zu schaffen. Die elegante Fassade dieser sogenannten Basilika gehört jedoch ohne Zweifel ins 3. Jh.

Shaqqa ist in der christlichen Archäologie[11] bekannt durch ein Denkmal, das den Worten des berühmten G. B. de Rossi zufolge „einzigartig“ ist: den Grabturm nördlich der Stadt, der an drei Seiten mit griechischen (85) metrischen Inschriften versehen ist, die eindeutige Merkmale des Christentums aufweisen, mit dem Datum des Jahres 109 der städtischen Ära, nach dem Monogramm XMΓ (griechisch-orientalische Ligatur der Namen Christus, Michael und Gabriel, als Symbolisierung der Trinitas). Aber wie weit diese Ära tatsächlich reicht und welches historisches Interesse dieses Denkmal beanspruchen darf, das nach de Rossis Worten dem Jahrhundert Konstantins voraufgeht, können wir schwer sagen.

Eine Basilika gewaltiger Maße, mit typischem Plan (Foto 357, Kat. 198, Plan 16) mit drei Schiffen und drei Apsiden, von denen zwei für Prothesis und Diakonikon abgetrennt sind und viereckige Form haben, fanden wir in der sogenannten Kaisariye am Stadtrand. Der Eingang in diese Zitadelle

 Abb. 11: Shaqqa (Sakkea). Kloster östlich des Dorfes

 oder eher diesen Palast führt durch ein Turmtor, von dem aus man direkt die Basilika betritt, weil sie zwischen zwei Türmen erbaut ist (Foto 358, Kat. 199). Drei Schiffe sind auf Pfeilern errichtet, die in zwei Reihen verlaufen, aber schon nach zwei Pfeilern folgt eine Unterbrechung; hingegen hat sich die Apsis ausgezeichnet erhalten dank ihrer Verschüttung mit Spreu bis obenhin (Foto 359, Kat. 200), und dort war Vieh untergebracht. Auf dem Gesims einer Säule ist ein Stück einer unverständlichen Inschrift zu sehen:

MPENBEΘCΠΠΠ

            VAIERIC

...

Ein interessanter christlicher Bau (Abb. 11), der bis heute bei den Einheimischen kenise oder monastir genannt wird, befindet sich am anderen Ende der Stadt. Eigentlich (86) handelt es sich um einen ganzen Komplex von verschiedenen Bauten. Der offensichtliche Hauptbau (Foto 361, Kat. 201) hat die Form eines langen Saales, der durch zwei Pfeilerreihen in drei Schiffe gegliedert ist. Auf den Pfeilern lagen Bögen, die von ihnen entsprechenden Wandpilastern ausgingen. Die Wölbungen sind eingestürzt, aber die Pfeiler sind überall bis zu den Kämpfern erhalten, weil das zwischen sie gestürzte Steindach den gesamten Bau bedeckt hat, welcher zur Hälfte erhalten ist (Abb. 11). Aber es gibt keine Apsis in diesem Bau, er endet mit grob, offenbar in spätester Zeit gesetzten Mauern, und genau an diesem Ende ist eine kleine Kirche eingebaut, d.h. zwischen die Pfeiler ist eine Tür gesetzt und eine grob aus Bruchstücken gefügte Apsis. Dieser Umstand ist ein deutliches, wenn auch das einzige Anzeichen dafür, dass das gesamte Gebäude auch ursprünglich eine christliche Basilika gewesen sein kann. Hinter diesem großen Saal folgt ein kleinerer, in dem sich in der Wölbung eine Platte mit der Darstellung einer mit einem Löwen kämpfenden Figur befand – die Figur ist zerstört und so ist es schwer zu entscheiden, wen sie darstellt – Herakles oder Samson.

Aus Shaqqa kamen wir nach El-Hit (1 Stunde Entfernung), ein kleines Dörfchen am Ort eines alten Städtchens, sehr gut erhalten. Wir schlugen das Lager in einem Olivenhain auf (Foto 362, Kat. 204), der dem Scheich gehört, hinter seinem Haus, der Schlosszitadelle des Städtchens, erbaut auf einem kleinen felsigen Hügelchen. Das Haus war angefüllt mit Inschriften, die von überallher gesammelt und in die Wände eingelassen waren, über den Eingangstüren, sogar in den Boden. Der Sturz der Haupttür trägt die Inschrift der Kirche des Hl. Sergius aus dem Jahr 354 (Foto 363, Kat. 205). Das Haus selbst ist von den Arabern aus Bruchstücken errichtet; es gehört dem Geschlecht der Scheiche offensichtlich schon seit undenklichen Zeiten. Nahe dem Haus befinden sich zwei oder drei Türme, die aber stark zerstört sind, nahe dem einen ist ein Anbau, ganz aus alten Stücken errichtet, so dass nahe der Tür vier Inschriften und drei Inschriftfragmente verlegt sind, aber die meisten sind oberhalb der Füße und andere im Boden. Der Eingang (Taf. X) ist geschmückt mit einer im 3. Jh. üblichen, aus Stein geschnittenen dekorativen Verkleidung (Foto 364, Kat. 206). Hinter dem Turm, zwischen den Steinen, die als Umfassung dienen, trafen wir ein großes Relief aus Lavastein, 0,69 m hoch und 1,03 m breit, mit der Darstellung eines Paares (Foto 371, Kat. 214), das von Genien oder Victorien bekränzt wird: Der Mann erhob die Hand zum Segen; das Relief gehört ins 6.-7. Jh. und ist ein seltenes Beispiel dieses groben Stiles, den wir in Sanamen gesehen haben.

Am Ostrand der Stadt befindet sich eine große dreischiffige christliche Basilika (Foto 368, Kat. 211) mit vorspringender Apsis im Osten. Das Mauerwerk der Apsis unterscheidet sich deutlich von dem des übrigen Baus, und deshalb ist unbedingt anzunehmen, daß dieser Teil später zugefügt wurde, (87) zweifellos um den Plan der christlichen Kirche zu vervollständigen. Aber wir konnten in dem Bau keine Hinweise finden, ob er bereits vor diesem Umbau als christliche Basilika diente. Jetzt dient er als Wohnung für eine Familie, die die obere Etage bewohnt, während sie in der unteren das Vieh und den Speicher untergebracht hat. Die obere Etage war nicht zu besichtigen – so sehr war sie mit ärmlichen Habseligkeiten angefüllt, und so dicht waren die Fenster mit Steinhaufen verschlossen, um Schatten und Kühle zu erreichen. Die untere Etage fanden wir bis zu den Wölbungen mit Spreu angefüllt, aber die innere Struktur der drei Schiffe, in der in Hauran oder Syrien üblichen Weise bedeckt mit Steinplatten, die südlichen Seitentüren, alles war erhalten; aber auf der Westseite (Foto 369, Kat. 212) befand sich anstelle des Apsishalbrunds eine neu errichtete Mauer, die die Apsis als eigenen Bau abtrennt.[12]

Nahe diesem Bau fand sich ein Haus voller Inschriften: wir fanden sie im Boden der oberen Etage, unter dem Fenster, im Hof u. a., aber alle diese Inschriften waren heidnisch, wie auch auf dem Türsturz (Foto 365) in die lokale Ornamentik der Weinranken (s. u. die Reliefs des Heroons von Siah) einige Kreuze eingetieft sind als Zeichen des Glaubens des Besitzers. In die Türschwelle des Hauptraumes ist eine große Platte mit grober Löwendarstellung (in persischem Typ) eingelassen (Foto 366, Kat. 208).

Von El-Hit wandten wir uns nach Süden und gingen nach Amra – ein hübsches Dörfchen mit erhaltenen Türmen und weiter nach Sleim, einem ganz unbedeutenden Flecken, der aber eine hohe schartige Ecke eines alten Tempels aufweist (Foto 372, Kat. 215), der mit feinem Relief an den erhaltenen Gesims- und Pilasterfragmenten ausgestattet ist. Einst war dies ein elegantes Tempelchen mit großartigem Portal und Giebel mit Monumentalbogen, prächtigen Gesimsen und Fries mit ornamentalen Mustern und Nereiden sowie Phantasiewesen; die Reliefs zeichnen sich durch Tiefe und malerische Qualität aus und erreichen in ihrer technischen Vollendung die wunderbaren Türen in Qanawat.  Hinter dem Tempel, inmitten eines gewaltigen Berges aus Säulen und Gebälkfragmenten, liegt eine interessante Inschrift mit dem Namen eines Neapolitos, die die Annahme bestätigt, daß Sleim das alte Neapolis ist.

Wir gingen eine Stunde und 20 Minuten durch ein Tal mit einem Steineichenwald, stiegen steil an auf die Höhe und kamen nach Qanawat, wo wir (88) unser Lager bei der wichtigsten Ruine, dem sog. Serail oder Palast am Südrand der Stadt oberhalb des Tales, aufschlugen (Foto 374, Kat. 218). Der scheinbare Palast von Qanawat besteht aus zwei klar voneinander zu unterscheidenden Gebäuden, die irgendwann zu einem zusammengefügt wurden: sie haben zwar gleiche Proportionen und sind einander auch, ungeachtet einiger Stilunterschiede, zeitlich nah, aber eindeutig nicht gleichzeitig. Als Hauptbau ist wohl der anzusehen, der etwa doppelt so groß ist wie der zweite, er erstreckt sich von Nord nach Süd und besteht aus drei Teilen: einer vorderen Portikus (Foto 381), einem Hof, der an allen Seiten von einer Kolonnade umgeben ist, und einem Bau, der jetzt an drei Seiten Mauern hat. Der andere Bau, von kleineren Maßen, hat Ostwestausdehnung (Foto 375, Kat. 219) und ist flügelartig an den Hof des ersten angelehnt; er hat an allen Seiten Mauern, nur die Mauer, die ihn mit dem Hof des größeren Baus verbindet, öffnet sich in Mannshöhe in drei Arkaden, die auf kleinen  Säulen ruhen (Taf. XII). Die Westmauer dieses zweiten Baus ist als Fassade ausgebildet, ausgestattet mit drei Eingängen mit reliefierten Rahmungen und oben einem Bogenfenster. Vor dieser Mauer hat sich ein großer Hof erhalten, und offenbar in bekannter Zeit wurde dieser Bereich der wichtigere.

Der erste Bau ist offensichtlich der ältere: Erstens ist er mit seiner Fassade der Stadt zugewandt, die sich von Süd nach Nord entlang des Qanawat-Haupttals mit seiner in der Höhe (gegenüber dem Serail) entspringenden Quelle erstreckt. Außer der schönen Portikus im Norden, mit den in ihren Ruinen erhaltenen Inschriften, von denen eine den Erbauer Theonus Quintus mit den Archonten nennt, sind hier die Reste einer Treppe und eines großen Hofes erkennbar. Aber im Zusammenhang damit bestätigt eine Ansicht (Foto 379, Kat. 227) des gewaltigen Atriums, das auf die Portikus folgt, daß dieser Bau kein heidnischer Tempel war, umso mehr, als sich der große Tempel von Qanawat auf einem im Süden nahe dem Serail gelegenen Hügel befindet und neben dem Serail selbst Ruinen eines kleinen Tempels oder Heroons liegen, in Gestalt einer viereckigen Terrasse, die mit verstürzten Platten und Blöcken bedeckt ist. Die kubischen Kapitelle des Atriums erwecken zuerst den Eindruck, daß wir es hier mit einer christlichen Basilika mit der üblichen Anordnung des Atriums vor der Kirche zu tun haben, aber dem widerspricht vor allem das ungewöhnlich elegante Portal der Eingangstür vom Atrium in den Bau (Foto 378, Taf. XIII und XIV) und auch das Fehlen jeglicher christlicher Emblemata und Zeichen auf Türstürzen und Mauern des Baus. Aber da die Verwendung kubischer Kapitelle vor dem 4. Jh. nicht belegt ist, können wir die Errichtung dieses Baus offensichtlich nicht früher als in die 2. Hälfte des 3. Jhs. n. Chr. datieren. Der hinter dem Atrium liegende Bau (Foto 377) darf als der interessanteste und rätselhafteste des gesamten Hauran bezeichnet werden: seine erhaltene West-(Foto 380, (89) Kat. 228) und Ostmauer haben eine außerordentlich bemerkenswerte Höhe, und über diese gesamte Höhe hatte der Bau Wölbungen in zwei Etagen, die drei Schiffe bilden; die Seitenschiffe hatten dieselbe Höhe wie das Mittelschiff. Aber nicht der gesamte Bau war bedacht: er war offenbar (die Steinhaufen versperrten das Innere so sehr, daß der wirkliche Plan ohne Beseitigung der Steine nicht denkbar ist) durch Querarkaden in drei gleiche Teile gegliedert, und der mittlere hatte keine Bogenstruktur und folglich kein Dach.

So wurde an der Westwand ein eigener Narthex gebildet, und der Ostteil endet auch als eine Art Querschiff – dank seinen Exedren, die Seitenschiffen entsprechen. Der Bau hatte ursprünglich eine geschlossene Außenwand, wurde aber dann (nach kurzer Zeit) verändert in eine christliche Kirche, und diese Mauer wurde aufgebrochen und an ihrer Stelle eine halbrunde Apsis errichtet, die sich bis heute erhalten hat. Als dann die Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde, ist die Mauer wieder zugesetzt (Foto 377) und so die Apsis gerade verschlossen worden, und so ist der Bau bis heute erhalten und steht bisher ungenutzt. Offenbar haben wir hier ein bemerkenswertes Beispiel eines antiken öffentlichen Baus vor uns – aller Wahrscheinlichkeit nach eine pagane Basilika diokletianischer oder sogar konstantinischer Zeit mit feierlichen Versammlungssälen und Höfen.

Das Rätselhafte des Baus wird noch verstärkt durch die Veränderungen und Umbauten: Syrien bestätigt auch hier seinen Ruf als Umgestalter, und an einem Bau kann man nicht selten eine grundlegende Umwandlung übersehen, weil die Bauleute aus dem älteren Material nicht nur Mauern, sondern auch Fenster, Türen, Portale, Bögen, Giebel u.a. neu versetzten. So geschah es auch hier: die aufmerksame Betrachtung des großartigen Portals der eben beschriebenen Basilika bestätigt, daß dieses Portal nicht ursprünglich ist und sogar insgesamt nicht zu diesem Bau gehört, sondern von einem anderen (entweder von einem anderen Tempel Qanawats oder vielleicht aus dem Nymphaeum) hierher während des Umbaus der Basilika für ihre zweite Bestimmung übertragen worden ist. In jedem Fall verbirgt sich das Portal unserer Basilika hinter dem neuen Reliefportal: Die Fotografie (378, Kat. 224) zeigt deutlich den flachen Bogen des ersten Portals, innerhalb dieses Bogens befindet sich ein reliefiertes Portal, wie Zimmerleute einen ordentlichen Kasten in eine dafür ausgeschnittene Steinmauer einfügen; aber so wie oben der Rahmen nicht vollständig die zerstörte Mauer verschloß, so schob man hinten, hinter diesem Rahmen, noch eine Platte des Reliefgesimses ein, das schönste Stück, das man unter den Händen hatte. Dieses Gesims ist offensichtlich umgedreht, weil das Band mit großem Mäander unten sein sollte, wo jetzt aber die Ranken mit wunderbaren Rosetten aus gedrehten Blättern sind. Diese Rosetten sind identisch mit dem Schmuck des Portals selbst, was (90) auf ihre Herkunft von einem Bau hinweist, und oberhalb des Portals fällt unser Blick auf ein Gesimsstück mit Mäander gleicher Größe in der Mauer, das dort offenbar bei derselben Gelegenheit versetzt worden ist. Das Relief des Portals selbst (Taf. XIV) erregt, ehrlich gesagt, die Bewunderung des Reisenden: dieses Relief ist an sich so großartig, und die Zeit, die Hand an es gelegt hat, die allzu weite Vorsprünge und allzu tiefe Kerben geglättet hat, sorgte für wahre Eleganz. Der Türsturz ist mit großen Akanthusranken geschmückt: Kraft, Elastizität, Frische und Lebendigkeit der gebogenen Zweige sind von hoher Meisterschaft; weniger energisch, weicher und sanfter ist der Schnitt der Ranken auf den Pilastern, mit Tulpen (?) und anderen Blüten in den hier dargestellten frischen Schilfranken, die aber mit Akanthusblättern versehen sind. Zu demselben Portal gehört auch ein Konsolenpaar, das hier ohne Sinn seitlich angebracht ist und nichts trägt: der sich auf den Konsolen windende Akanthus ist lebendig und ein prächtiges Beispiel römischer Ornamentik.

Umso wichtiger ist für uns die gesamte beschriebene Eleganz des Portals, die wir mit der Ornamentation der Portale in der Fassade des zweiten Baus vergleichen können (Foto 376): die grob schematische wellenförmige Linie der sich drehenden Ranke mit den systematisch an ihr angeordneten Trauben gehört aller Wahrscheinlichkeit nach bereits ins 4. Jh., wofür auch die Arkatur der gesamten Fassade spricht.

Eine ähnliche Verbindung von Sälen war eine übliche Angelegenheit für die römischen Architekten: bekanntlich öffneten sich gerade Triclinien in Palästen und Villen mit einer dreifachen Arkade zum Haupthof. In unserem Fall war der zweite Bau auch  ohnedies ein Nebengebäude, weil links neben ihm die Eingangsportikus des Hauptbaus lag. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, daß es diese Arkade ursprünglich in dieser Weise nicht gab: jedenfalls zeigt uns sogar die Fotografie (375) (was die Reisenden jedoch nicht einmal am Original bemerkten), daß die beiden Säulchen ungleich sind, des weiteren, daß unter ihnen eindeutig eine Mauer aus schon beschädigten Blöcken verlegt ist und die über ihnen auch aus altem Material verlegt ist usw. So ist es möglich, daß erst die Araber diesen gesamten Teil umbauten und anstelle des früheren Tricliniums eine Art Balkon mit offener Arkade errichteten, wie es verbreitet war für die zweite Etage byzantinischer und arabischer Bauten.

Das zweite Gebäude erinnert stärker an eine christliche Basilika – dafür wird es auch von de Vogüe gehalten, der aber einen offensichtlichen und eigenartigen Fehler macht, wenn er den dreiteiligen Bogen in der geraden Wand für die Apsis hält. Diese Basilika, entsprechend den drei Eingängen in ihrer Westmauer, hat drei Schiffe, aber ihre Apsis befindet sich nicht auf der Ostseite, sondern am rechten Ende der Südmauer und hat das ursprüngliche Aussehen einer dreifachen halbrunden und tiefen Nische (zwei sind jetzt zugesetzt, wie Vorratskammern). Warum die Apsis (91) in die seitliche Nische eingebaut ist, läßt sich schwer erklären, ebenso wie der Umstand, daß direkt neben der eben in einen christlichen Sakralbau umgewandelten Basilika eine weitere errichtet wurde, aber aus dem 32. Brief des Bischofs Paulinus kennen wir ein Beispiel: als die Basilika zum Gedächtnis des Hl. Felix an eine Gruppe anderer Basiliken angebaut wurde, verband man sie mit diesen durch eine Dreifacharkade.[13]

Hinter den Ruinen des Serails, vorbei an den Ruinen des erwähnten Tempelchens, gelangt man auf einen sehr weiten Platz; sein Pflaster aus Platten (Ruinen des Hippodroms?)[14] war stellenweise von Forschern angehoben, und seither haben die Bewohner von Qanawat alles weggeschleppt, was wegzubringen möglich war; aber es zeigte sich, daß die Platten die Gewölbe einer unterirdischen Zisterne (oder eines anderen Gebäudes)

 Abb. 12: Qanawat. Prostyler Tempel

bedecken, und jetzt klafft dieses entblößte Innere in höchst trauriger Zerstörung. Auf der linken Seite dieses Platzes konnte man noch deutlich die Fundamente einer dekorativen Exedra in Gestalt des Buchstabens Π erkennen, weiter die Ecke eines völlig zerstörten und verstreuten Gebäudes, Reste einer alten Wasserleitung und schließlich den großartigen großen Jupitertempel (Foto 382, Kat. 220). Er gehört zum Genus des Prostylos, und seine Portikus stand auf einer erhöhten Terrasse; er ist ungewöhnlich beeindruckend in der Schönheit seiner dekorativen Glieder, den Proportionen des Gesimses und der Säulenbasen. Die Säulen sind teilweise umgestürzt, es stehen nur noch vier, die Mauern der Cella sind vollständig erhalten, (92) und es sind auch die Basen der anderen Säulen erhalten, die im Inneren drei Schiffe bildeten, und die kolossale viereckige Exedra für das Kultbild.

In der Stadt selbst, die am Rande des Tales gelegen ist, fanden sich wenig Altertümer, außer im Hause des Scheichs, möglicherweise einer früheren Basilika (Foto 383, Kat. 231) und den Inschriften und ornamentierten Platten, mit denen die Drusen die Fenster ihres neuen Bethauses geschmückt haben (Foto 386, Kat. 234). Es ist interessant, daß auch hier der Geschmack des Steinmetzen, der die Gesimse mit von Masken, Vögeln und Weintrauben bevölkerten Mäandern versah, dem berühmten Stil der Skulpturen von Seeia ähnelt (s. u.).

Auf der Westseite außerhalb der Stadt, auf einer erhöhten Terrasse am Talhang, befindet sich ein großer Periptaltempel (Foto 388, Kat. 236, 389-390, Kat. 238), mit sieben erhaltenen Säulen, deren korinthische Kapitelle sich durch besondere Pracht im Schnitt der Blätter und Helices auszeichnen, obgleich sie, im Charakter der Akanthusblätter, die einander mit den Spitzen berühren, ganz zum allgemeinen Typ der Kapitelle des 3. Jhs. gehören.

Das Qanawattal war einst nicht nur durch Wege, Terrassen, Wasserleitungen, Becken und Fontänen gegliedert, sondern auch durch Türme, Theater und dekorative Bauten verschiedener Art. Auch jetzt noch sind Reste dieser Bauten sichtbar, besonders auf dem der Stadt gegenüberliegenden Hang (vgl. den Plan von G. Reau), wo in einer Reihe liegen: Theater/Odeon, mit der bekannten prächtigen Inschrift, die an der Arena angebracht ist, Nymphaeum, über der reich sprudelnden Quelle (Foto 387, Kat. 235), in Gestalt eines viereckigen Baus, mit Nischen und Exedren. Aber alles, was man zerstören und wegtragen konnte, ist bereits zerstört, und anstelle der Becken sind schimmelnde Lachen, anstelle der Fontänen Haufen von Steinen. Alles übrige ist bedeckt mit Erde für Obst- und Gemüsegärten, die auf dem fruchtbaren Boden nahe der Quelle prächtig gedeihen. Alle diese Ruinen dürften aus dem 2.-3. Jh. n. Chr. stammen.

Von Qanawat aus machten wir eine Exkursion zum Ort der Ruinen von Seeia, eine Stunde weiter östlich. Diese Ruinen liegen auf dem Kamm eines hohen, sehr engen und langen Hügels, der allmählich von Nordost nach Südwest ansteigt. Die Hügelhänge werden an beiden Seiten immer steiler und bilden schließlich fast senkrechte Wände. Der Hügel beherrscht die gesamte Umgebung und blickt sozusagen auf Qanawat über das weite und fruchtbare Tal, in dem stellenweise noch Wasser steht, in ehemaligen Kanälen oder vor langer Zeit angelegten Brunnen. Wenn man von Qanawat über den steilen Hang am Ostende hinaufsteigt, sieht man überall in den Wendungen des zickzackförmig verlaufenden Weges (93) kleine quadratische und rechteckige Terrassen von Grabstätten, Grabbauten selbst nicht, außer einem, in dem sogar die Tür von ägyptischem Typ erhalten ist (Foto 404). Der gesamte obere Hang des Hügels war aufgeteilt in ähnliche, etwas größere Terrassen, aber die auf ihnen stehenden Grabbauten oder Tempelchen sind spurlos verschwunden.

Der Hügel ist an einer Seite geneigt, und von dieser Seite ist es bequemer, zu den Ruinen zu gelangen. Die Führer zeigen hier eine Art Eingang in die Ruinen, und tatsächlich gibt die Lage der Steine etwas Eingangsähnliches. Wenn man aber in die zyklopisch herumliegenden hineingeht, zeigt sich, dass man weiter über Steinhaufen in chaotischster Unordnung klettern muß, und wohin man auch schaut, überall liegen nur diese Berge; selten und dann noch unsicher lässt sich unter diesen Steinhaufen die Linie einer Mauer oder Umfassung ausmachen. Vorangehen, messen, mit einem Wort einen Ruinenkomplex untersuchen ist von dieser Seite her völlig unmöglich. Aber der Anblick genügt auch, um festzustellen, dass hier keine Zitadelle, kein Palast (und keinerlei Eingang in irgendein Gebäude, sei es auch zerstört), kurzum nichts Ganzes ist, sondern nur Reihen einzelner Bauten, die nebeneinander getürmt sind ohne jede Beziehung untereinander, aber in Hügelausrichtung entlang dem Kamm hintereinander. Unverkennbar, dass dies keine Stadt und kein Palast oder eine wie auch immer geartete Siedlung ist, sondern eine alte Nekropole, deren Bauten verfallen und teils verschleppt, teils erhalten sind, nur waren sie von sehr unterschiedlicher Qualität und Größe, wie es auf Friedhöfen üblich ist, mit Mauern aus Blöcken oder aus Schotter, und die Bauten selbst hatten wahrscheinlich eine sehr einfache oder sogar vergröberte Pyramidenform, die entweder aus Blöcken oder, in Gestalt eines konischen Steinhaufens, auf eine besondere Terrasse gesetzt waren. Es ist (wie wir zunächst dachten) nichts Prähistorisches und Ursprüngliches in diesen Ruinen, obgleich die Grobheit der Bauten keinerlei zeitliche Anhaltspunkte gibt. Nekropolen dieser Art mit pyramidalen Steinhaufen kann man im Hauran an vielen Orten sehen, besonders häufig aber auf Hügelkämmen – natürlich wegen der Erhöhung und weil diese für die Landwirtschaft ungeeignet ist. Wir mussten diesen üblen Teil der Ruinen umgehen, der nicht weniger als zwei Drittel des Hügels einnimmt, indem wir am Hang gingen, unterhalb der oben vortretenden Terrassen, auf vom Vieh getretenen Pfaden. Und erst nachdem wir in dieser Weise ziemlich weit gegangen und wieder auf den dicht mit Steinen besäten Hohlweg hinaufgestiegen waren, gelangten wir endlich zur Hauptruine von Seeia, die bei den Forschern soviel Hoffnung weckt. Hier bilden die Ruinen eine deutlich zu verfolgende Reihe aufeinander folgender Höfe, nicht selten ausgezeichnet  gepflastert mit glatten Platten im gesamten Bereich oder in einigen Teilen; diese Höfe waren umgeben von mehr oder weniger hohen Mauern, und (94) ihre Eingänge liegen ausschließlich auf der Ostseite, d.h. in der Mitte des Kamms oder Hügels, was auch verständlich ist, weil beide Hänge hier so steil sind, dass Eingänge von ihnen her unmöglich wären. Aber diese Eingänge sind vollständig nur für zwei der Höfe erhalten, aber es sind nicht weniger als vier Höfe, und alle diese Höfe liegen auf unterschiedlichen Niveaus, und ohne jedes Anzeichen von Aufgängen oder Treppen und Terrassen, so dass sie alle völlig voneinander isoliert sind. Und deshalb, ohne die allgemeine Ansicht zu negieren, dass wir hier Tempelruinen vor uns haben, ergänzen wir diese Ansicht und schlagen vor, dass Seeia die Nekropole von Qanawat und vielleicht auch anderer Städte ist; die als Ruinen von Tempeln betrachteten Strukturen sind Ruinen mehrerer Grabtempelchen, die in unterschiedlicher Zeit von verschiedenen Personen auf dem geweihten Berg errichtet wurden – dem allgemeinen Friedhof.

Von hier wird vollkommen verständlich, dass die Ruinen äußerst unterschiedliche Stile repräsentieren, die der Blütezeit des Hauran vom Beginn der römischen Herrschaft bis auf Konstantin angehören. So sahen wir im ersten Hof der Reihe (s. Plan de Vogüe Abb. 32-38, auch im Führer Isamberts, AB) ein vorzügliches Portal mit feiner (A) Reliefarbeit (Foto 391, Kat. 239, Detail Foto 400), obgleich schon von schwererem und trockenem Stil; die Pfeiler sind leicht profiliert, das Mittelband ist geschmückt mit prächtigen, stark vorspringenden Ranken oder Voluten von Akanthus mit darinliegenden Rosetten; diese und andere sind in Typus und Schnitt völlig identisch mit den Türen von Qanawat; das Gebälk dieses Portals, das in Stücken in den Steinhaufen liegt, ist ebenfalls mit Relief geschmückt, in dem Mäander,  große Voluten und stark vorspringende Rosetten belebt sind mit Lebewesen und Blumen; das ist römische Arbeit des 2. Jhs.

Im zweiten Hof ist das Relief flach, ohne Charakter, aber neben den Bruchstücken des Kranzfrieses sind zwei wunderbare Reliefs mit der Darstellung von Gottheiten (Foto 394 und 398), von künstlerischer Arbeit, leider halb zerschlagen. Diese Reliefs sind kaum nach dem 1. Jh. n. Chr. zu datieren, und sie verdienen umso mehr Aufmerksamkeit, als alle Basreliefs des Hauran charakterisiert sind durch äußerste Grobheit und Plumpheit des nachlässigen Reliefs in schwerem römischen Stil.

Im dritten Hof befinden sich zahlreiche prächtige Ornamentplatten gemeinsam mit Inschriften eines Agrippa. Aber neben diesen Platten zeigt ein ganzer Haufen von  Gebälk und Fries eine auf den ersten Blick verwunderliche Grobheit: Die auf dem Fries ausgebreiteten dicken Weinranken (Foto 395-397, Abb. 13) mit massiven Weintrauben und Blättern, die in plumper Symmetrie an den Zweigen sitzen, der Efeu in den Pflanzenvoluten mit kleinen Blütentrauben oder die ebenso groben und unnötig weit vorspringend, aber ohne jede Modellierung gearbeiteten Rosetten und Pinienzapfen; auf den Trieben sitzt hier eine (95) Heuschrecke, dort ein Vogel; alle diese Ornamente laufen als Fries am Kranzgesims, das oben mit Laubwerk und Adlerdarstellung geschmückt ist, so besteht kein Zweifel an der römischen Herkunft aller dieser Dekorationen, umso mehr, als sie sehr stark an die schon oben beschriebenen Reliefs von der Hand lokaler Steinmetzen erinnern; hier in Syrien bekommen alle Darstellungen einen besonders schwerfälligen Charakter; auf einer anderen Platte sahen wir eine unverständliche Darstellung eines Pferdes im Geschirr (Grabsujet?), ein Hochrelief von Kälbern zu seiten eines Pilasters u. a., und daneben die so große, erhabene Inschrift mit dem Namen des Nabatäischen Idumeischen Königs Malikades aus der Zeit Herodes’ des Großen, des Sohnes des Moayer; über dieser Inschrift gibt ein Fries Weinranken mit Blättern und

Abb. 13: Siah. Friesfragment vom Heroon

Trauben in den Voluten (Foto 402). Es ist nützlich, alle von uns gemachten Fotos der Fragmente, die zwischen den Ruinen manchmal kopfüber oder umgedreht usw. liegen, mit den phantastischen (und gleichzeitig in kindischer Weise gemachten) Zeichnungen bei de Vogüe zu vergleichen, vor allem um zu Urteil und Kritik fremder Ansichten zu gelangen.

Es ist unbestreitbar, daß die ursprünglichen Formen oder der Stil dieser Reliefs nicht mit dem bekannten Charakter oder Ausdruck der semitischen Leidenschaft und Übersteigerung zu verbinden sind, wie man sie hier anhand der Worte de Vogües und einer zu nichts taugenden Zeichnung sehen will. Ebenso sollte man nicht besonders (wie das in jüngster Zeit geschieht) auf dem allegorischen Charakter der Darstellungen in diesen Reliefs beharren: Diese gesamte ornamentale Dekoration verlor ihren allegorischen Sinn endgültig längst vorher, bereits in (96) Assyrien und Persien, und auf einer Wiederbelebung ohne besondere Begründung zu beharren, würde bedeuten, den Sinn historischer Formen von Symbolik und Dekoration zu überfrachten. Natürlich ist der Wiederholung von Weinranken mit Trauben, den Darstellungen der Tier- und Pflanzenwelt eine eigene Symbolik immanent, aber sie ist vor allem bestimmt durch dekorative Formen, und deshalb wäre es sehr eigenartig, über die Bedeutung einzelner Schmuckformen zu urteilen, ohne ein eindeutig erneuertes Gebäude mit Architekturdetails vor Augen zu haben.

Es steht jedem frei zu denken, daß die beschriebenen Höfe ein einziges Tempel-Heroon bilden. Dieser Baalshamin-Tempel hat große Ähnlichkeit mit dem Jerusalemer Tempel der Zeit des Herodes, aber diese so natürliche Hypothese bringt sehr wenig, denn abgesehen von diesen ornamentierten Gesimsen und der gewaltigen Terrasse vor dem Tempel ist nichts Substantielles erhalten, und ohne Ausgrabungen bleiben alle unsere Schlußfolgerungen über die Außenansicht des Baus reine Vermutungen, wovon man sich sehr leicht vor Ort überzeugen kann, besonders beim Vergleich der Realität mit den Zeichnungen und Plänen de Vogües.

Dieser hochgelobte Baalshamin-Tempel ist in vergleichendem Sinne nichts weiter als eine ziemlich häßliche lokale Nachahmung eines großartigen römischen Originals der ersten Hälfte des 1. Jhs., d. h. der besten Zeit der römischen Kunst, die für Syrien jedoch eine Übergangszeit von den früheren griechischen Arbeiten der Seleukidenzeit zum neuen, von Herodes eingeführten römischen Geschmack ist. In den Städten mit höherer Kultur an der syrischen Küste oder in den unmittelbaren Machtzentren waren natürlich schon herbeigeholte ausländische Meister tätig, aber in den tiefen Provinzen des Nabatäerreiches konnten sie nicht sein, und der neue Geschmack wurde mit primitiver Grobheit ausgearbeitet, die jedoch anfänglich noch primitive, altorientalische Ornamentik zeigen konnte. Der Vergleich mit Denkmälern der frühen römischen Periode in Kleinasien[15] zeigt uns leicht die Prototypen dieses angeblich asiatischen Stils: seine stark plastischen Ornamente, Weinranken mit wenigen Blättern, die eindeutig zu Efeu, nicht zu Wein gehören, die originelle Belebung der Zweige mit Vögelchen, Heuschrecken, Eidechsen, menschlichen Büsten und Köpfen.

Aus Qanawat gingen wir nach Athil (ant. Athila), bemerkenswert wegen der Ruinen zweier Tempel: eines Tempelchens mit einem wundervollen Reliefportal (97) (Foto 409, Taf. XVI), von ganz gleichem Charakter wie die Türen in Qanawat und die Portale von Seeia, folglich schon 2. Jh. n. Chr.; die Pilaster des Portals sind geschmückt mit stark plastischen Akanthusranken mit Innenrosetten (der Typus ist am besten erhalten an einem Stück des Portals des anderen Tempels, Foto 406), deren Blütenblätter hochplastisch vor dem Grund stehen wie bei einer lebenden Blüte; zu den Seiten des Portals sind zwei Nischen gerahmt mit großartigen Reliefgewänden, auf einem ist ein großer Mäander wie in Qanawat. In der Mitte des Tempels erhebt sich eine hohe Arkade, Rest der hier einst befindlichen christlichen Kirche: der Bogenschlußstein hat ein ornamentales Kreuz. Im Hof des an den Tempel angrenzenden Wohnhauses lagen zahlreiche Säulentrommeln, Inschriften und Bruchstücke, darunter ein bemerkenswertes, mit Rosetten geschmücktes Gesims, deren Blütenblätter wie in starker Bewegung verdreht sind. Dieses Ornament erregt besondere Aufmerksamkeit, weil es sich oft an barbarischen Altertümern des 4.-6. Jhs. n. Chr. findet – hier erscheint es früher als in Europa.

Der andere große Tempel Athils (Foto 405, Kat. 253) ist fast völlig abgetragen, und in ihm hat sich eine sehr zahlreiche und geschäftige Drusenfamilie angesiedelt, die seine Zerstörung rasch vollenden wird. Schon jetzt ist nur noch eine Mauer mit Ante erhalten, die Fassade mit dekorativen Pilastern – die mit rotem Lehm verputzt sind - befindet sich schon im Innern des Hauses; in den Hausmauern sitzen überall Bruchstücke von Gesims, Gebälk mit großem Mäanderfries und anderes, zu sehen ist der erwähnte Rahmen über der Tür (Foto 406, Kat. 254) und ein anderer mit Blattranken, in denen Ziegen und Panther[16] umherspringen; in der Einfassungsmauer, auf der Hofseite, ist eine große Heliosbüste versetzt (Foto 407, Kat. 255).

Die Kirche dieses Städtchens erwies sich als sehr alt und besonders bedauernswert: sie ist einschiffig, die Arkaden sind aus zusammengesuchten Stücken, stellenweise herabgerutscht und von völliger Zerstörung bedroht, die letzte Arkade ruht auf zwei korinthischen Kapitellen, die Apsis ist teilweise aus nicht bearbeiteten Steinen gesetzt usw. Die Kapitelle selbst, wie auch das Paar der großen Kapitelle (Foto 408), mit denen der Altar der Khalyba – des Bethauses der Drusen – gebaut ist, gehören ebenfalls zum großen Tempel. Diese Kapitelle haben unten einen Kranz von kurzen, breiten Akanthusblättern, die einzeln vor dem Kapitellkörper stehen, darüber ist ein niedriger, dicker Kranz von Akanthuskrönchen und dann folgen dicke Volutenranken.

Von Athil gingen wir dann nach Suweida. Suweda oder Sueyda (ant. Dionysias) ist eine große Stadt sowohl in der Antike als auch heute, und seine (98) christlichen Denkmäler gehören zu den wichtigsten im Hauran. Aber wegen der bedeutenden Bevölkerung haben die Denkmäler in schwerster Weise gelitten und sind, außer besonders großen Bauten, die wenigstens noch in kleinen Teilen erhalten sind, über die ganze Stadt verstreut, und oft ist es angesichts der neuen Häuser, die mit Spolien errichtet sind, nicht einmal mehr möglich zu sagen, zu welchem Bau die Säule, das Kapitell, der Architravteil usw. gehört haben könnte.

Im Zentrum des Stadt ist seit der Antike noch der Platz erhalten, der fast kreisförmig mit alten Wohnhäusern und Gebäuden umstanden ist; am Rand dieses Platzes verläuft bis jetzt die Hauptstraße, die die Stadt in zwei Hälften teilt, und neben dem Platz läuft die andere Straße, die senkrecht zur ersteren geht und die Stadt in vier Quartale gliedert, jedoch jetzt zwischen den Ruinen weniger auffällt. Der große Peripteraltempel, der auf dem Platz steht und zu der ersten Straße gewendet ist, beansprucht Aufmerksamkeit wegen der Besonderheiten seines Stils der Säulen und Kapitelle (Foto 415, Kat. 267), der Außenkolonnade und der Ornamentik der Giebel, Portale und Nischen, die sich von der nördlichen (aus Spolien gesammelten) Mauer erhalten haben. Diese Ornamentik hat erstens absolut nichts vergleichbares mit dem Stil des oben beschriebenen Tempels in Seeia, wie es jedoch Herr Reau anhand nur eines einzigen, ungünstigen Eindruckes meinte, der ihm beim Anblick dieser Ruinen kam. Die Säulen (die aber nicht überall bis zu den Basen sichtbar sind) haben nicht die Harmonie der Säulen von Qanawat, keine Verjüngung nach oben, sind gefertigt aus vielen, oft zu kleinen Trommeln usw. Außerdem weist der Stil der Kapitelle und des Gebälks in seiner Trockenheit, Überzeichnung der Formen und unschönen Proportionen auf eine späte Zeit, und zwar unserer Meinung nach ins 3. Jh., sogar an dessen Ende, und all das verbindet diesen Tempel nicht mit den Ruinen des Tempels von Seeia, der ungeachtet der groben Arbeit (nicht aber des Stils) des Steinmetzen beste Muster des stark plastischen Ornamentes der Römer nachahmt. In alledem bestätigt uns der Vergleich der angeführten fotografischen Aufnahmen, aber nur eine ausführliche Analyse und der Vergleich der Details des Tempels von Suweida mit syrischen Beispielen kann uns seinen außerordentlich trockenen, verarmten Stil erklären, der aber hochinteressant für das altchristliche Ornament ist.

Die Kapitelle dieser Kolonnade haben nur einen Akanthuskranz, der zudem eng am Kapitellkorpus anliegt, wobei die leichten Kerben kaum die Blattkonturen angeben (vgl. die sehr späte filigrane Dekoration byzantinischer Kapitelle vom Konstantinopler Goldenen Tor), aber die eingerollten Blattspitzen oben weit überhängen, darüber sitzen dann dicke Voluten, die mit ihren Maßen sogar an ionische Kapitelle erinnern. Das Gebälk ist durch den Fries mit Rosetten in Einzelteile gegliedert, und das Gesims ist (99) ist geschmückt mit außerordentlich trockenen Ranken ohne Charakter, die ganz klar der Ornamentik der Basilika von Suweida (s. u.) und der wahrscheinlichen Basilika von Qanawat (s. o.) vergleichbar sind, so daß wir sie für fast identisch halten können. Jedenfalls ist dieser eindeutig heidnische Tempel den christlichen Basiliken des Hauran zeitlich nahe und sollte folglich von uns ins 4. Jh. datiert werden.

Links des Tempels (auf dem Platz, aber nicht auf der Straße, wo der Bau völlig geschlossen ist) ist noch eine nach Südosten gerichtete Seitenapsis einer dreifachen, für ein Haus abgebrochenen Apsidenanlage einer offensichtlich christlichen Basilika zu sehen; die erhaltene Apsis hat gutes altes Mauerwerk. Am Südostende des Platzes, an der rechten Ecke, ist in die Mauer eines reichen Hauses ein Stück

Abb. 14: Suweida. Tempel. Nordseite

Eckgesims mit Maske (Foto 417, Kat. 269) eingelassen, und das Tor besteht vollständig aus antiken, in ihrer Ornamentik luxuriösen Gebälkstücken, in die noch im Altertum Kreuze eingetieft wurden. Das Haus ist neu erbaut (teilweise zweietagig), aber völlig aus altem Material, und das Vordach im zweiten Hof ruht auf Säulen mit Originalkapitellen: das Laub (Foto 416 und 418, Kat. 268 und 270) dieses Kapitells (Abb. 15) sieht aus wie von Wasserpflanzen, in zwei Reihen, mit dicken und saftigen Blättern, ohne jede Rippe, aber in der Kontur von Akanthus, wie man sie in der späten Epoche, d. h. im 3.-4. Jh., mit kurzen und weit vor dem Grund stehenden Blättern begann zu machen; über dem Blattkranz sitzen Kelche wie von Schilfpflanzen; in dieser Weise erheben und (100) breiten sich unter dem Abakus Ranken und Blumengirlanden mit Rosetten an den Enden aus, wie im römischen Repertoire. Aber hier ist in der Realität keine neue besondere Form, und am unteren Akanthuskranz ist leicht zu erkennen, woher diese Form ihren Anfang nimmt. Das ist dasselbe korinthische Kapitell, also der von Akanthuskränzen umgebene Kapitellkörper, an dem sowohl die Blätter als auch die Volutenkelche nur nicht so detailliert angegeben sind. Die einzig mögliche Schlußfolgerung bezüglich der Herkunft dieser Form, ihres Erscheinens in Syrien und ihrer Bedeutung für die Bestimmung der Denkmäler sollte dazu führen, daß diese Blattform in den kleinen Kapitellen eine Nachahmung eines uns bislang unbekannten, aber monumentalen oder sogar kolossalen Denkmals in Syrien selbst oder in Ägypten aus einem harten Gestein, z. B. Granit, ist, welches keine detaillierte Ausarbeitung erlaubt. Wir werden unten sehen, daß diese Form an Kapitellen vom Grab der Könige in Jerusalem erscheint, dessen Zeitstellung seinerseits anhand der Ornamentik bestimmt wird und das jetzt von kompetenten Leuten um die Zeitenwende datiert wird.

Das bemerkenswerteste Denkmal Suweidas ist eine christliche Basilika von kolossaler Größe und ganz eindeutig christlicher Herkunft. Schon die Westfassade mit zwei (Foto 410, Kat. 259 und 260) (von ursprünglich drei) kolossalen Portalen, deren Dekoration aber beschränkt ist auf Profilbänder und ein Bogenfenster über jeder Tür, hat bemerkenswerte Ähnlichkeit im Charakter des Mauerwerks und in der gesamten Struktur mit der Basilika von Qanawat (zweiter Bau). Diese Fassade ist auf der rechten Seite zu einem Drittel zerstört, oben abgebrochen, die gewaltigen Türen hingegen sind erstaunlicherweise erhalten. Die Kirche ist Eigentum eines ganzen Dutzends von Familien, die überall ihre Hütten [wörtlich „Hundehütten“, Anm. d. Übers.] hineingebaut haben; als besonders bequem dafür erwiesen sich die Haupt- und Seiteneingänge, weshalb sie auch erhalten sind, während das Innere der Kirche zerstört ist, so wie Holz innen von Würmern zerfressen wird. Beim Hineingehen in die Basilika sieht man am Ort des ehemals zweigeschossigen Narthex zu den Seiten des Mittelportals zwei dicht gemauerte Steinbauten mit winzigen Löchern innen. Die Schiffe mit den jeweils zwei Säulenreihen sind unter der Ruine begraben und jetzt kaum zu erkennen; an ihrem Ort sind nur zwei Basen zu finden. Die Basilika ist in der Tat völlig angefüllt mit ihren eigenen Ruinen, aber überall, wo ein Plätzchen, eine Terrasse, ein Stückchen Mauer war, wurde eine Wohnung errichtet, und und das Dutzend Familien, das in den Ruinen der Basilika sitzt, setzt die Verschleppung und Zerstörung fort, und die Drusen sind durchaus nicht gleichgültig gegenüber der Kunst. Das ist auch der Grund dafür, daß im gesamten Raum der Basilika nur ein Kapitell erhalten hat, und das (Foto 419) dank seiner Größe. Dem Durchmesser zufolge gab es in der Basilika Säulen verschiedener (101) Größe, zweifellos gesammelt aus heidnischen Tempeln. Auch das Kapitell stammt aus einem alten heidnischen Bau, worauf sein Typ hinweist:

Abb. 15: Es-Suweda. Haus auf dem Tempelplatz

Ein Ring von größerem, breitblättrigem Akanthus unten, darüber ein Ring von anderen Blattspitzen, über diesen ein Polster und dann ein Eierstab.

(102) Die Apsis mit drei halbrunden Nischen (Foto 413, Kat. 264), deren mittlere größer ist, ist jetzt in drei Wohnungen auf verschiedenen Niveaus aufgeteilt; eine dieser Hütten nimmt die Hälfte der Apsis ein. In dieser befindet sich ein Ring von Bogenfenstern. Über den Seitennischen sind große viereckige Fenster. Auf der Nordseite ist auch in Höhe von ein bis zwei Sashen [1 Sashen – 2,13 m] Mauerwerk von sehr guter Qualität und darin zwei Türen mit Kreuzmedaillons auf den Stürzen und Türpfosten mit Weinranke (Foto 411. 414, Kat. 261. 265). In dem Bereich der Mauer, den wir sehen konnten, waren keine Fenster, aber es ist möglich, daß Vogüés Mauer mit acht Bogenfenstern jetzt schon eingestürzt ist.

Die Basilika hatte ein großes Atrium, dessen Plan uns wegen der Schwierigkeiten, Messungen zwischen den verschiedenen an die Ruinen angelehnten Hütten und improvisierten Wohnungen zu unternehmen, unklar blieb. Von der westlichen Seite der Basilika aus ist eine eckige Tür (von ursprünglich drei?) mit halbrunden Pilastern zu sehen, welche dem Inneren des Atrium zugewendet sind und folglich zusammen mit gegenüberstehenden Säulen die Wölbung des Atriumumgangs getragen haben müssen. Die Tür ist mit ebensolchen Kreuzmedaillons verziert wie die Türen der Nordseite der Basilika. Es folgen Ruinen, die an Nebenatrien (Foto 412, Kat. 263) erinnern, entlang der Südseite der Basilika: aber es sind nur gewaltige Säulenbasen in zwei Reihen – sehr gedrängten Reihen, teils vom Unrat befreit, und sogar teilweise mit Kapitellen, die genau dieselbe kubische Form haben wie die Atriumsäulen der Basilika von Qanawat. Nach all diesen Angaben und dem Stil der Ornamente kann die Basilika noch ins 4. Jh. gehören.

Gerade wegen ihrers zu vermutenden Alters beansprucht die Basilika von Suweida unser besonderes Interesse: zum Glück geben uns die auf der Nordseite erhaltenen Türen dafür hinreichende Anhaltspunkte in der Portalornamentik. Diese Ornamentik (Foto 411. 414) ist zum einen ganz gleich der des Portals der Basilika (zweiter Bau) von Qanawat, und zum andern sind die gleichschenkligen Kreuze auf den Türstürzen klar als Arbeiten der christlichen Zeit, etwa der Zeit Konstantins des Großen, zu betrachten. Wir haben hier noch römisches Mauerwerk, vorspringende Konsolen zur Auflage des (nicht erhaltenen) Gesimses und das Portal selbst, dessen Pfosten und Stürze mit Weinranken dekoriert sind. Diese Ranke bildet schon keine Voluten mehr, sondern bildet in einem Rahmen eine Wellenlinie aus dicken Zweigen (aber schon ohne Blatteilung), von der innen symmetrisch eingerollte Ranken abgehen, die Blättchen oder Trauben tragen. Die Arbeit ist oberflächlich, ohne alle Modellierung, trocken, kleinlich und ohne Charakter.

Von Suweyda aus gingen wir durch Aye [Ayra], Uatar und Dshemerin [Mdshemer] vier Stunden (103) bis Bosra, eine von weitem großartig erscheinende, große Stadt, die sich von nahem als armseliges Örtchen mit beduinischer Bevölkerung zwischen kolossalen Ruinen zeigte. Aber der Blick von ferne gibt das historisch richtige Bild, das sich auf besonders glückliche Weise dem Reisenden öffnet, wenn er die Stadt verläßt, um Bosra und seine Ruinen zu betrachten. Diese Ruinen sind so bedeutsam, daß sie in der Entfernung wie vollständige Bauten wirken, und so vielfältig, daß man sie (im Unterschied zu den bisherigen Städten des Hauran) nicht verwechseln kann: Hier gibt es sowohl hohe schlanke Türme als auch Tempel mit Kolonnaden und einen imposanten Triumphbogen, ein Theater, Terrassen alter vielgeschossiger Bauten, Kirchen und eine Zitadelle. All dies erinnert in der Entfernung im Gesamtbild an die vielgestaltigen Konturen einer orientalischen Stadt mit Moscheekuppeln und schlanken Minaretten, Terrassen mit Wohnbauten und alten Stadtmauern.

Die Stadt wird durch zwei sich kreuzende Straßen in Quartale gegliedert, aber ein Tetrapylon gab es nicht, oder es ist nicht erhalten.[17] Im zentralen Bereich befinden sich die besseren Bauten heidnischen Charakters und Ursprungs, zum Teil aus der Zeit Trajans (der nach Eutrop orbem terrarum aedificans war und Bosra auszeichnete), mehr jedoch aus dem Ende des 3. Jhs., als Bosra nach dem Fall Palmyras zum fast ausschließlichen Zentrum des Ostwesthandels wurde, der von hier aus zu den Häfen des Mittelmeeres ging und hier die wichtigsten Speicherplätze hatte, so daß hier auch meist die Karamelkarawanen  entladen wurden und die Güter von hier aus auf den römischen Straßen weitertransportiert wurden.

Das Stadtzentrum ist leicht auszumachen anhand der Kolonnade aus vier Säulenreihen (Foto 438, Kat. 292); eine Mauerecke mit Nischen schließt an die Säulen an, und die dahinter erhaltene Mauer mit einer großen Exedra für ein Götzenbild oder eine Statue weist deutlich darauf hin, daß es sich um die Ruinen eines Tempels handelt. Aber angesichts dessen, daß er einen Eckplatz einnimmt, daß er ganz am Rand steht und keinen heiligen Temenos oder Bereich hat, kann man wohl annehmen, daß dies eher ein dekorativer Tempel war, geweiht einem römischen vergöttlichten Gönner, denn ein syrischer Kulttempel. Aber wissen über diese letzteren viel zu wenig, als daß wir sie von den graecorömischen unterscheiden könnten. Über die Straße, gegenüber, sieht man zwei Säulen (Foto 437, Kat. 290) der Portikus, die ihr Gebälk bewahrt hat.

Von hier gelangt man, die kreuzende Straße entlanggehend, zu dem kolossalen Triumphbogen (Foto 433. 434, Kat. 285. 286), dessen Maße, (104) wunderbare Setzung der inneren Wölbungen und die Gesamtstruktur selbst Rom zufriedenstellen könnten, nicht nur die Hauptstadt des orientalischen Karawanenhandels. Die gerade, lange Straße, gesäumt von richtigen Bauten, die entlang der Bogenfassade geht; die neue Straße, offensichtlich mit geschlossenen Galerien an den Seiten, die unter drei Bögen beginnt; riesige Thermen mit vollständig erhaltenen, gewölbten Räumen – all das gibt den Ruinen den Charakter besonderer Bedeutung. Leider ist die Besichtigung der Ruinen sehr erschwert, weil die Straßen selbst dicht bedeckt sind mit Massen von Blöcken, [Säulen-]Trommeln, Platten, über die man klettern muß, um vorwärtszukommen, und so ist es überall, wo öffentliche Bauten gestanden haben.

Im westlichen Viertel haben die Straßen hingegen üblicherweise das Aussehen von Pfaden, die über Müllberge und durch Steineinfassungen und entlang an alten Häusern führen. Wir treffen wieder einen Triumphbogen (Taf. XVIII),  diesmal einen (Foto 435, Kat. 287) von geringeren Maßen (wenn es sich nicht um ein Stadttor handelt?): ein uns unbekannter Forscher grub diesen Bogen bis zum Fundament aus. Zu seiner Seite erheben sich die großartigen Ruinen eines Palastes (Foto 436, Kat. 288), deren Westfassade sich in einer Reihe gewaltiger Arkaden öffnet; im Inneren bewahrte der Bau überall die Mauern beider Etagen; noch ist der gewaltige Bogen sichtbar, der die Säle der oberen Etage verband. Nahe dem Palast, zwischen halbzerstörten Häusern, sind zwei einzeln stehende Säulen zu sehen; sie sind aufgestellt auf besonders hohen Pedestalen und gehören offenbar zu einer äußeren Portikus; ihnen zur Seite, in den Mauern der benachbarten Häuser, kann man noch zwei Halbsäulen erkennen, die die seitlichen Anten rahmen. Aber ein Stück einer gerundeten Mauer hinter diesen Anten oder Pilastern und einer Halbkuppelwölbung über ihnen zeigt, daß wir es hier nicht mit einer eigenen Portikus zu tun haben, sondern mit einer dekorativen Exedra, die als einziges von einem heidnischen Tempel erhalten ist. Ihre Teile näher zu untersuchen, die zum Bestand der Hütten gehören oder in diese eingebaut sind, ist derzeit undenkbar.

Die antiken Ruinen von Bosra waren für unsere Ziele von großem Interesse: im wesentlichen ziemlich später Entstehung, besonders aus dem 2.–3. Jh. oder aus der Zeit des Philippus Arabs, der aus Shuhba stammte, zeigen diese Ruinen, welche Vorbilder die christliche Kunst in Syrien fand. So finden wir auf den Kapitellen des Triumphbogens, des großen und des kleinen Tempels genau den Blatt-Typ, den wir bereits für das 3. Jh. beschrieben haben. Anstelle von zwei Ringen von Akanthusblättern finden wir hier gewissermaßen drei Ringe, wobei der obere gebildet wird aus einer üppigen Rahmung der Akanthusranken und –voluten mit Akanthuskronen an den Ecken der Kapitelle. Weiters überdecken die Akanthusblätter einander nicht, sondern sind über den Kapitellkörper gleichmäßig verteilt, und der Grund bei ihnen ist stark gebohrt, wodurch ein kleinteiliger, aber sehr delikater Effekt erzielt wird; (105) die Spitzen der Akanthusblätter berühren einander, die Blätter sind breit und flach – all das wiederholt sich im 4. Jh. Besonders interessant sind die eleganten Kapitelle des Tempels (Foto 438), mit Rosetten im dritten Ring und ohne Eckvoluten, mit feinen vorspringenden Abakoi.

Aber viel größeres Interesse beanspruchen die christlichen Denkmäler Bosras an sich und besonders für uns: es ist zu erinnern, daß vor allem in der Frühzeit des Byzantinischen Reiches, d. h. vom 4. bis zum 6. Jh., Bosra besonders reich war und blühte. Deshalb waren die Kirchen Bosras eigenständige, große und künstlerisch durchgestaltete Gebäude. Der erste Rang gebührt den Ruinen des Bokheyri-Klosters (Foto 421, Kat. 274), so genannt, weil die alte christliche Basilika erst als Raum eines muslimischen Heiligtums diente und dann als Derwisch-Kloster. Die Westfassade der Basilika steht fast in Flucht mit den Resten der Fassade der Kathedale von Bosra, und die ehemalige Basilika wurde vielleicht schon im 6. Jh. in ein christliches Kloster umgewandelt, und daher ist es logisch, daß diese Basilika noch im 4. Jh. errichtet wurde, oder sogar unter Konstantin. Die Basilika ist in einem Zug errichtet worden in Gestalt eines einschiffigen Saalbaus, mit großen Bogenfenstern im oberen Bereich der Mauer, mit einer hohen und fast über die ganze Breite des Baus reichenden Apsis (Foto 422, Kat. 275); dies ist außen und innen alles vorzügliches römisches Mauerwerk, mit Anpassung jedes einzelnen Blockes. Aber außen hat der Bau offensichtlich gelitten: so hatte die Westfassade ursprünglich an den Ecken Halbsäulen, auf denen sich in der oberen Etage Pilaster befanden; von den Eckkapitellen der Halbsäulen lief ursprünglich eine Linie eines vorspringenden dekorativen Gesimses oder Giebels, von dem jetzt nur noch ein Stück erhalten ist, dahinter ist schon ein Bogen in Entsprechung mit der Apsis gelegt; die mittlere Tür bewahrte einen Sturz mit Kreuz, und auf einem Türpfosten ist noch ein weiteres Kreuz zu sehen. Offensichtlich erfolgte der Umbau noch in christlicher Zeit oder schon unter der arabischen Herrschaft, und es ist möglich, daß die Basilika in einen Wohnbau umgewandelt wurde, eben in ein Kloster – in ihr wurden zwei Geschosse eingerichtet und die ursprünglichen Fenster der Fassade zugesetzt. In der Nordmauer sind noch Konsolen zu sehen, auf denen wahrscheinlich ein dekoratives vorspringendes Gesims auflag. Schließlich befindet sich auf dem Schlußstein des Apsisbogens eine eingetiefte Darstellung des sogenannten Heraklesknotens, Symbol der Beständigkeit des Baus, das häufig in ganz Syrien anzutreffen ist.

Die Kathedrale ist eine gewaltige Ruine (Foto 420, Kat. 272), die mit Bergen von Asche gefüllt ist, welche hierher aus der ganzen Stadt gebracht wird; aus dieser Asche ist vielleicht (zu Zeiten de Vogüés) der kleine Bereich des zentralen Bereichs vor der Apsis freigelegt worden, der in jüngster Zeit (106) in Gestalt einer kleinen Basilika mit drei durch Säulenbasen gegliederten Schiffen aus den Ruinen ausgeschieden wurde; sodann erhielt sich die Hauptpsis, die Altarschranke (Foto 423, Kat. 277), noch mit Wölbung, und ein Flügel der Westfassade

Abb. 16: Bosra. Säule in der Moschee (Kloster) westlich der Stadt

(Foto 428, Kat. 278) mit Nische. An die große Kathedrale schließt hinten noch eine kleine Basilika an, die jetzt als Wohnbau dient und daher zu zwei Dritteln zerstört ist: offensichtlich ist von der alten Basilika (107) nur der Ostteil erhalten, und dies nur zum Teil, nämlich nur zwei Apsiden, die dritte am Nordschiff fehlt; über den Bögen befinden sich jeweils drei Fenster. Teilweise erhalten ist auch die zweigeschossige Westfassade, ornamentiert mit Nischen in gleicher Weise wie die Basilika des Bokheyri-Klosters innen.

Nicht weniger bemerkenswerte Denkmäler christlichen Ursprungs befinden sich in der Omar-Moschee (Taf. XVII) am Westrand der Stadt: das gewaltige Corpus verschiedenster Bauten war einst eine christliche Anlage, aber mit Ausnahme der Moschee ist alles verdorben und halbzerstört durch muselmanische Umbauten. So hat die Nordmauer vom alten Bestand nur eine Tür bewahrt, alles übrige gehört schon zur Moschee und die Mauer bildet ihre Außenfassade, und deshalb ist der Schönheit wegen anstelle einer Steinreihe eine Reihe von Säulentrommeln verlegt (Foto 425, Kat. 279); im unteren Teil der Mauer sind einige Inschriften des 5.-6. Jhs. versetzt. Die Südmauer ist geschmückt mit einer arabischen Portikus auf Bögen über so niedrigen Säulen (teilweise noch im Schmutz verborgen), daß ihre Kapitelle stellenweise direkt auf dem Boden sitzen – bekanntlich ein Charakteristikum der arabischen Architektur des 13.-14. Jhs., gelegentlich auch in der europäischen übernommen; die ionischen Kapitelle auf diesen Säulen stammen offensichtlich aus einem alten heidnischen Bau. Innen zeigt sich der Bau als fast quadratisches Corpus einer großen Moschee: entlang der Süd- und Ostseite laufen zwei Säulenreihen; von ihnen sind auf der Südseite 12 monolithische aus offensichtlich importiertem Marmor, mit marmornen korinthischen Kapitellen von ziemlich feiner Arbeit, und der einzeln scharf hervortretende Akanthus in zwei Reihen, mit kleinen und fast geschlossenen Voluten kann seinem Charakter nach nicht vor dem Jahrhundert Konstantins oder sogar dem Ende des 4. Jhs. sein. Die zweifellos importierten Säulen haben große Ähnlichkeit mit einigen Kapitellen aus Chersones, die aus den prokonnesischen Werkstätten stammen[18]. Auf zwei Säulen sind in einem Kreis Inschriften angebracht, die sich auf die Erbauung (offensichtlich an diesem selben Ort, wo sich schon ein heidnischer Tempelbau befunden hatte) eines Sigma [sigmaförmige Portikus] mit drei Konchen im Jahr 384 (384+105=489[19]) beziehen, d. h., noch genauer, zum Einbau eines Altarbereichs in einen heidnischen Tempel zu dessen Umwandlung in eine Basilika. Dieses Zeugnis ist in hohem Grade interessant, weil es uns eine Reihe christlicher Bauten Syriens erklärt.

Die massive Zitadelle von Bosra aus der Zeit Saladins, genannt El Qala’a, schließlich ist mit ihren kolossalen Mauern, die aus großartigem altem Material, exakt bearbeiteten Rustica-blöcken, gesetzt sind, selbst ein bemerkenswertes Denkmal, für dessen Errichtung im 13. Jh. aber die besten Bauten Bosras geplündert worden sind. Aber außer daß die Mauern dieser Zitadelle geschmückt sind mit alten Inschriften, Portalen christlicher Basiliken, auf denen sogar Kreuze erhalten sind, enthalten und bewahren sie sogar in gewisser Weise vor der Zerstörung eines der besten und fast vollständig erhaltenen römischen Theater. Hier ist sogar ein Teil (Foto 443, Kat. 297) der bekrönenden Portikus oder Kolonnade erhalten, und das großartige proscenium (Taf. XIX) bildet, außer dem Mittelteil mit dekorativen Nischen und Exedren, zwei gewaltige Flügel in der Art einzelner Paläste, die sich mit ihren Seitenmauern zum Theater hinwenden, aber mit den Fassaden einander (Foto 440. 441, Kat. 294. 295) gegenüber; in diesen Palästen sind so zwei Mauern versetzt, und unten gibt es einen Paradeeingang, der hinter die Kulissen führt. Interessant ist auch die unterirdische (Foto 442, Kat. 296) Galerie, die entlang der Mitte des Palastes verläuft, sehr tief, jetzt offen und ihrer Gewölbe beraubt, aber unterhalb der Orchestra waren einst Pulverkammern [sic!]. Großartig erhalten, aber jetzt als Kloake für die Kasernen in der Zitadelle genutzt sind auch die unterirdischen Gänge und Verbindungen der verschiedenen (Foto 439, Kat. 293) Teile des Theaters (vomitoria).

Aus Bosra durch das Tor Bab el Hawa hinausgehend und vorbei an dem Ort, wo sich die die ganze Stadt versorgende Quelle befindet, und entlang der römischen Straße kamen wir zuerst in die Dörfer Dshize und Esh-Shuruq, wo ein alter Turm – den grob eingetieften Kreuzen auf seiner Tür zufolge – offensichtlich in eine Kirche umgewandelt worden ist, und dann nach Nasib und Remte, eine riesige Siedlung, die sich, einer Festung ähnlich, einsam, rechts der ebenen und niederen Wüste erhebt. Auf diesem Weg kamen wir nach Derata (oder Dera’a), in welchem wir, wie wir wußten, die Linie des Kordons überschritten, der von der Türkei wegen der Cholera in Damaskus und der Flucht seiner Bewohner errichtet worden war. Noch in Suweida hatten wir Nachrichten über die Cholera erhalten und von dort an häuften sich die Anzeichen, daß wir uns außerhalb der sicheren Orte bewegten.

Aus Remte gingen wir durch die Wüste nach Hawar und von dort überschritten wir nach  Edun und Mezar auf Bergwegen und –pfaden, die nicht selten durch dichte Wälder und Winterbäche führten, die großen und steilen Berge und kamen nach Tibne, das ziemlich hoch liegt (Foto 448. 449, Kat. 302).

(109) Von hier begann für uns der Weg durch Transjordanien, der in seinem Nordteil etwas verkürzt war, und zwar hatten wir beschlossen, diese Reise von Tiberias aus zu beginnen und sie nach Irbid fortzusetzen, und nun konnten wir das nicht machen, weil Irbid in die Linie des Cholera-Kordons einbezogen war, der dieses Mal von Damaskus, wo 1891 im September eine furchtbare Cholera ausgebrochen war, über Irbid bis Nablus verlief. Der Expedition blieb kein anderer Ausweg, als weiter außerhalb der Kordonlinie zu gehen, mit ständigen Nachfragen nach dem Verlauf der Linie bei den örtlichen Vorstehern der Städte und Dörfer. Aus dem Folgenden wird deutlich, daß die Vorsicht im Land der Araber und in der türkischen Ordnung sehr wohl am Platze war.


[1] Eine handschriftliche, im Auftrag von Josef Strzygowski von einem Anonymus verfaßte, Übersetzung von Teilen des Kapitels zum Felsendom befindet sich in der Bibliothek des Institus für Kunstgeschichte der Universität Wien.

[2] Palestina i Sinaj. Čast’ I. Vypusk’ 3-j. Sobranie fotografičeskich’ snimkov’ prinadležaščich’ Imperatorskomu Pravoslavnomu Palestinskomu obščestvu. Privel’ v’ porjadok’ i opisal’ V. D. Jušmanov. S.-Peterburg’ 1894.

[3] Katalog vystavki fotografičeskich’ snimkov’, planov’ i akvarel’nych’ risunkov’ v sostave Imp. Pravosl. Palestinskago obščestva. Izdanie Palestinskago Obščestva. S.-Peterburg 1894.

[4] [Anm. 1 S. 47] Zur Expeditionsgruppe gehörten: A. A. Olesnickij, Ja. I. Smirnov, der Fotograf I. F. Barščevskij, die Künstler A. D. Kivšenko und N. A. Okolovič.

[5] [Anm. 1 S. 71] Mit besonderem Akzent bei Riegl, Stilfragen, 1893, S. 273.

[6] [Anm. 2 S. 72] Der Tyche-Kult war im Hauran verbreitet, und seine Tempel, Tychaia/Beit Gada genannt, auf Anhöhen, waren nicht selten. Clermont Ganneau, Rec. D’arch.or III, 1900, p.81.

[7] [Anm. 1 S. 76] s. Plan de Vogüe

[8] [Anm. 2 S. 76] Diese Meinung ist erneut ausführlich entwickelt bei A. Choisy, L’art de batir chez les Byzantins (1882)

[9] [Anm. 3 S. 76] Dieulafoy, L’art antique de la Perse, IV, Monuments voutés de l’époque achémenide

[10] [Anm. 1 S. 77] Die völlig willkürliche Vermutung bei Perot und Chipiez, Histoire de l’art dans l’antiquité V, S. 588, daß diese Paläste der parthischen Periode angehörten, wird damit erklärt, daß ihre Behandlung in der Geschichte der antiken Kunst anders nicht möglich sei. Hier wird natürlich keinerlei Analyse ihrer Architektur gegeben, und die Herausgeber sind die ganze Zeit beschäftigt, die Theorien von Dieulafoy zu widerlegen. Aber wenn sie über die nachahmende sasanidische Kunst sprechen, gilt das ebenso auch für die Zeit der Parther. Verführerisch für viele, ist Perots Werk insgesamt wenig verständlich in der Chronologie der Denkmäler und gibt der Stil- und Zeitanalyse der Denkmäler – der ersten und wichtigsten Angelegenheit in der Archäologie – nicht den nötigen Raum.

[11] [Anm. 1 S. 84] G. B. de Rossi, Bull. de l’arch. Chr., 1870, p. 35-36. Die Inschriften sind publiziert von Washer und Waddington.

[12] [Anm. 1 S. 87] Der Plan dieser Kirche von El-Hit in der Sammlung der Palästina-Gesellschaft ist offensichtlich derselbe, der bei de Vogüe als „Basilika Shaqqa“ bezeichnet ist. Oder beide Basiliken waren identisch, oder de Vogües Zeichner hat die Namen verwechselt.

[13] [Anm. 1 S. 91] Kransosel’cev, O proischoždenij christianskich bazilik, 120f.

[14] [Anm. 2 S. 91] s. Plan Reaus, der auch dem Führer Isamberts S. 541 beigegeben ist.

[15] [Anm. 1 S. 96] Vgl. die Fotos ornamentaler Details vom Tempel in Aizanoi, ausgezeichnet aufgenommen im Atlas von Le Bas: Voyage archéologique en Grèce et en Asie Mineure par M. Ph. Le Bas, publ. par S. Reinach, 1888, Asie Min., Archit. Pl. 23-35, vgl. die Palmetten unter dem Eierstab des Gesimses und Foto 401; Taf. 34 – Details des Grabbaus in Aizanoi mit charakteristischen Blattranken und Rosetten und Foto 405-406; vgl. ebenda die drehende Rosette und Efeuranke mit den Aufnahmen von Siah und Qanawat; auch die Fotos von unbekannten Orten Kleinasiens, II 3 u.a.

[16] [Anm. 1 S. 97] Vgl. im erwähnten Atlas Le Bas Voyage bei S. Reinach, Asie Min. II, 3, III den Rankenpilaster, dessen Rosetten aus stark plastischen Blättern, mit kriechenden Eidechsen und fliegenden Vögeln selbst zeigen, wo der Ursprung für Qanawat, Seeia und Athil ist.

[17] [Anm. 1 S. 103] Der oben erwähnte Geograph von 350-353, ib. Vol. II cap. 38, p. 518 kennt hier ein Tetrapylon: …civitas Bostra, quae maxima negotia habere dicitur, propinqua Persis et Saracenis, in qua publicum opus tetrapyli memorabile nominatur.

[18] [Anm. 1 S. 107] A. L. Berté-Delagard: Drevnosti Južnoj Rossii. Raskopki Chersonesa. Materialy po archeologii Rossii 13 (izd. Imperatorskoj Archeologičeskoj kommissi) 1893.

[19] [Anm. 2 S. 107] Dieses Datum der Errichtung einer Apsis mit drei Konchen oder eines sogenannten Trikonchos ist außerordentlich wichtig für die Lösung der Frage der Bauzeit (unter Justinian?) der Geburtsbasilika Bethlehem. In dem kürzlich erschienenen Werk Brockhaus, Heinrich, Die Kunst in den Athosklöstern, 1891, S. 19 wird auf diese Form („Kleeblattförmige Bildung“ <sic>) im Plan der Athoskirchen als besondere Gruppe hingewiesen, aber diese Gruppe ist von spätester Zeit. Prof. Strzygowski weist in seiner Rezension zu diesem Werk in Byzantinische Zeitschrift, 1892, S. 349, auf die Mustafa-Moschee in Konstantinopel, die Eliaskirche in Salona, die Apostelkirche in Athen, die zerstörte Kirche der Gottesmutter in den Blachernen und den Trikonchos des Kaiserpalastes in Byzanz hin.